Das fällt nur deshalb unter "kleine" Fassungslosigkeiten, weil Gewalt leider jeden Tag und überall geschieht. https://www.gmx.net/magazine/panorama/no...nagelt-39628864 Zitat: "Ein Mann in Nordirland ist von Unbekannten an einen Zaun genagelt worden. Er wurde kurz nach Mitternacht am Sonntag mit einem Nagel durch jede Hand an einem Zaun auf einem Parkplatz in dem Küstenort Bushmills entdeckt, wie die nordirische Polizei mitteilte. "
Gibt es einen religiösen Hintergrund? In Nordirland nicht so fernliegend, der Gedanke.
Vor etlichen Jahren gingen immer mal wieder Fälle von extrem brutaler Selbstjustiz in Nordirland durch die Presse.
Waffenstillstand in Ulster - aber protestantische wie katholische Untergrundkämpfer bedrohen ihre Glaubensbrüder mit Selbstjustiz. [...] In ihren Hochburgen in den Armenvierteln von Belfast und Londonderry gebärden sich die IRA und ihre protestantischen Widersacher - weitgehend unbehelligt von Polizei und Gerichten - als selbsternannte Ordnungsmächte. Mit drakonischen Strafen gehen die militärisch straff organisierten Untergrundkämpfer gegen Mitbürger vor, denen sie »unsoziales Verhalten« vorwerfen: Ladendiebe, Autoknacker und Einbrecher - oder wen immer sie dafür halten. [...] Mit Baseballschlägern, Stahlrohren oder Hämmern brechen sie Verdächtigen Arme, Beine und Gelenke.
Wohlgemerkt, da ging es nicht so sehr um katholische Verbände, die auf Protestanten einschlagen - und vice versa - sondern um Gruppierungen, die Selbstjustiz an ihren "eigenen" Leuten üben.
Ich habe von ähnlichen Fällen schon sehr lange nichts mehr gehört, aber möglicherweise sind sie einfach nicht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Der aktuelle Fall fügt sich jedenfalls erstaunlich gut in dieses Schema. Vielleicht gibt es in Nordirland nach wie vor paramilitärische Gruppen, die die Bevölkerung terrorisieren, und man hat dieses Problem einfach nicht auf dem Schirm.
Die Paramilitärs in Nordirland gibt es in der Tat weiterhin, Schreckgespenst, wenn auch längst nicht mehr in dem Ausmaß wie zu aktiven Bürgerkriegszeiten. Ich habe Anfang der 90er über diese Thematik gearbeitet und seinerzeit auch ein gutes halbes Jahr in Belfast verbracht, mittendrin also.
Nach den beiden Waffenstillstandserklärungen (die erste kam 1995 eher überraschend von loyalistischer Seite, was taktisch sehr raffiniert war, wirksam verlesen von Gusty Spence, der viele Jahre vorher sozusagen für den ersten Bürgerkriegstoten verantwortlich gewesen war) gab es plötzlich keine Daseinsberechtigung mehr für die paramilitärischen Gruppen auf beiden Seiten. Aber für die jeweilige Sache mehr oder weniger fanatisch zu kämpfen war drei Generationen lang der einzig vorstellbare "way of life" gewesen. Das gewöhnte man sich nicht so plötzlich ab. Der Bürgerkrieg und die Identifikation als Loyalist (protestantisch) oder Republikaner (katholisch) war eine mächtige Identifikationsgrundlage. Also gingen die Aggressionen und Kämpfe nach innen weiter, innerhalb der Organisationen. Gründe fanden sich immer, am häufigsten vermutlich Verrat, ob tatsächlich oder konstruiert, war wohl zweitrangig.
Auf negative Art bemerkenswert übrigens die auch Mitte der 90er noch nicht neutrale Darstellung im "Spiegel" der "IRA und ihrer protestantischen Widersacher". Das stellt - wie die längste Zeit üblich - die IRA in den Fokus und verzerrt die Tatsache, dass IRA und UVF / andere militante protestantische Organisationen sich absolut nichts geschenkt haben und die IRA keinesfalls irgendwie dominanter gewesen wäre.
Das war jetzt sehr, sehr knapp ein klein wenig Hintergrund.
Ich bin gerade wieder in Irland gewesen und frische ein bisschen mein Wissen auf.
Dodadadiamoisongdesisahoidamoiaso
Ein kluges Wort, und schon bist du Kommunist (Autoaufkleber aus den 80ern)
Ich glaube auch irgendwo mal gelesen zu haben, dass Teile der IRA nach dem Waffenstillstand in Drogengeschäfte abgewandert sind. Habe leider keine Quelle dazu, halte das aber für durchaus denkbar. Die Meldung mit dem "An den Zaun genagelten" hat mich auch schaudern lassen...
Wer im Regen nicht mit mir tanzt, wird im Sturm nie bei mir sein und wer im Sturm nicht bei mir ist, den brauche ich auch nicht bei Sonnenschein.
Lizzie, vielen Dank! Das ist sehr interessant! Ich schaue viele Dokus über andere Länder, aber das Thema ist mir Jahre nicht untergekommen. Stimmt genau: Wir hier wurden über die "böse IRA" informiert, dass andere genauso...wurde nicht vermittelt. Ich merke gerade, dass ich diesbezüglich das Tal der Ahnungslosen bewohne. *grnmpf*
Wo kann ich denn aktuelles Wissen dazu "tanken"? Hast du einen Link oder mehrere?
_____________________________________ Ich bin Karla48 aus dem alten Brigitte-Forum.
Keine Doku mit viel Info, aber ich fand den Film 'Belfast' von 2022 sehr gut. Da geht es zwar vordergründig um ein Familienschicksal, aber der politische Hintergrund ist natürlich da.
"We can, in fact we must, continue to fight to make everything about society better, without destroying what's already great." Carrick Ryan, Australian political commentator
"We are all just walking each other home." Ram Dass, writer
Ach ja! Klar! Es ist halt wirklich so: Heute sprach ich ein bestimmtes Problem an, was ich gerade habe. Prompt bekomme ich passende Werbung dazu aufs Handy.
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Immer wieder - warum müssen sich Gerichte mit sowas befassen? Wer in die Nähe einer Kirche zieht, muss damit rechnen, dass es dort Glocken und eine Uhr gibt.
Das sowieso. Ich finde es ja auch immer befremdlich, dass man nicht locker lässt, obwohl man schon mal ein Urteil kassiert hat. Hier im Jahr 2022. Nein, dann muss das OLG nochmal Recht sprechen.
Ich passe genau zwischen Bettdecke und Matratze. Das kann doch kein Zufall sein!
Zitat von Sternblau im Beitrag #15263Ich glaube auch irgendwo mal gelesen zu haben, dass Teile der IRA nach dem Waffenstillstand in Drogengeschäfte abgewandert sind. Habe leider keine Quelle dazu, halte das aber für durchaus denkbar. (...)
Und eben nicht nur Teile der IRA, sondern auch Teile der protestantischen UVF etc. Da haben wir es schon wieder; die üble Desinformationspolitik der hiesigen Medien in der Bürgerkriegszeit hat die Info, dass es auch loyalistische Paramilitärs und Terrorgruppen gab, konsequent unter den Tisch fallen lassen. Da muss man kein Verschwörungsabhänger sein, um das übel zu finden. Ich glaube, dieses Aha-Erlebnis hat mich dann im Studium endgültig dazu gebracht, mich mit dem Thema zu beschäftigen.
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Zitat von Pelzpfote im Beitrag #15268Immer wieder - warum müssen sich Gerichte mit sowas befassen? Wer in die Nähe einer Kirche zieht, muss damit rechnen, dass es dort Glocken und eine Uhr gibt.
Dabei wohnt der Mann sogar direkt im Haus neben der Kirche. Muss ja eine extreme Überraschung gewesen sein, dass er die Glocken hört ...
Zitat von Klara48 im Beitrag #15264(...) Stimmt genau: Wir hier wurden über die "böse IRA" informiert, dass andere genauso...wurde nicht vermittelt. Ich merke gerade, dass ich diesbezüglich das Tal der Ahnungslosen bewohne. *grnmpf*
Wo kann ich denn aktuelles Wissen dazu "tanken"? Hast du einen Link oder mehrere?
Mit den ganz aktuellen Entwicklungen hab ich mich nicht mehr in der Tiefe beschäftigt, aber wenn mir etwas in den Medien begegnet, lese ich es natürlich. Das sind aber fast immer englischsprachige Quellen. Wie gut ist dein Englisch?
Grundsätzlich wichtig sind da eigentlich die Quellen aus der Bürgerkriegszeit selbst, als die paramilitärischen Organisationen noch in vollem Schwang waren.
Ich hab selbst gerade mal ein bisschen geschaut. Ziemlich viel deutschsprachigen, qualitativ guten Journalismus findest du im Onlineangebot der taz, da kannst du gleich nach "Nordirland" suchen. Für die taz schreibt seit Jahrzehnten Ralf Sotschek, der ein ausgewiesener Kenner ist und der viel Zeit in Irland zugebracht hat. Ich hab ihn mal kennengelernt.
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Lizzie, aber im O-Ton ansehen! Naja, tust du ja eh. Und nicht nur auf Jamie stieren :)
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Zitat von frangipani im Beitrag #15274Lizzie, aber im O-Ton ansehen! Naja, tust du ja eh. Und nicht nur auf Jamie stieren :)
😄 Auf jeden Fall im Original! Obwohl Belfast accent ja echt eine Herausforderung ist. Es gibt einen Spielfilm mit Liam Neeson zur Nach-Bürgerkriegsproblematik. Neeson kommt aus Ballymena, der Stadt mit dem hässlichsten Akzent in Nordirland. Das war hart. Ich erinnere mich leider nicht an den Titel.
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