Ich habe übrigens unsere gemeinsame Mittagspause (haben mein Mann und ich Montags im Home-Office aktuell) heute genutzt, um die Geschichte von Jorinde zu erzählen. Aufhänger war etwas ganz anderes, es ging (auch mir) erstmal nur um Wahrnehmung und Wirklichkeit. Da erzählte mein Mann, dass bei der Mutter seines Kollegen (die auch noch allein lebt, ein paar Häuser weiter von ihrem Sohn), jetzt auch solche Ängste auftreten und der Kollege langsam echt verzweifelt ist. (Aber, soweit ich weiß, natürlich noch nach keinem Heimplatz sucht, weil er immer denkt, das muss doch gehen, wenn er praktisch nebenan lebt.) Das habe ich nochmal genutzt, um von der Demenz-WG in unserem Stadtteil zu erzählen, in der die Tante einer Kollegin von mir war und jetzt die Mutter einer anderen Kollegin von mir eingezogen ist. Bei letzterer war es auch so, dass sie nachts große Ängste hatte und dann (so gut war sie kognitiv noch drauf, sie lebte ja auch alleine und kein Kind vor Ort) nachts bei Tochter und Sohn anrief. Ich habe ihm jetzt mal den Link zur Demenz-WG "für seinen Kollegen" geschickt. Mal sehen, welche Denkprozesse das so auslöst. Ich merke gerade, dass es für ihn einfacher ist, wenn ich das Thema anspreche, wenn ich über andere Menschen rede als über seine Mutter. Da fühlt er sich nicht so unter Druck gesetzt.
@DieBea Ich stelle es mir wirklich schwer vor, sich, wie bei deinen Eltern, rauszuhalten. Ich merke es bei mir, dass ich mich doch auch abgrenze, indem ich nicht mehr groß nachfrage, wobei ich helfen könnte. Sie wehren alles ab, dann ist's eben so. Aber nachdenken tu ich trotzdem viel drüber. Irgendwann geht es eben nicht mehr, und dann müssen sie es so nehmen, wie es möglich ist.
Jorinde, dass sich da eine Möglichkeit mit der Tochter von Bekannten aufgetan hat, ist doch prima! Dann bist du nicht allein mit deinen Gedanken und Überlegungen!
Menschen können nicht irgendein Leben führen, sondern nur ihr eigenes. Remo Largo
Irgendwo gelesen funktioniert bei meinem Mann nicht so gut. Da fühlt er sich wieder in die Ecke gedrängt, weil ich mich zum Thema schlau mache, obwohl es ja seine Mutter ist.
Was ihn gerade glaube ich eher stark nachdenken lässt sind Erfahrungen von Menschen, die er kennt, oder wenn ich von den Eltern von Freundinnen erzähle.
Immerhin glaube ich, dass gerade ein Denk- und Lernprozess eingesetzt hat. Wobei immer noch vieles heruntergespielt wird.
Dass sie am Samstag z. B. unseren 15-jährigen Sohn erstmal mit dem Namen ihrer über 30-jährigen, ganz woanders wohnenden Enkelin ansprach hat ihn zwar kurz schlucken lassen, aber dann kam gleich ein "naja, mit den langen Haaren, und im Gesicht ist da ja auch eine Ähnlichkeit..." Äh, ja, das mag sein, aber einen 15-jährigen Jungen, den man jede Woche sieht, plötzlich nicht mehr mit den Namen des erwachsenen Enkels, sondern jetzt mit dem Namen der erwachsenen Enkelin anzusprechen, ist schon speziell. Als der 15-jährige das am nächsten Tag dem älteren Bruder erzählte, sagte der auch nur "oha!"
Irgendwie scheint es für Kinder leichter zu akzeptieren sein, wenn die körperlichen Fähigkeiten der Eltern nachlassen. Vielleicht, weil man das nicht so gut ignorieren kann. Ich bin leider noch nicht viel weiter. Die Tante hat zwar am Montag zweimal angerufen, aber trotz meiner Frage hat sie mir die Telefonnummer der Freundin nicht gegeben, sondern nur gesagt "die muss ich raussuchen". Ein drittes Mal hat sie nicht angerufen - und ich hatte den Eindruck, sie will sie mir nicht geben. Ich probiere es morgen nochmals.
Jorinde, ich glaube das geht in beide Richtungen. Also das "akzeptieren", bzw. nicht mehr leugnen können. Wenn ich die Treppe nicht mehr hochkomme, kann ich das nicht schönreden. Dann komme ich da nicht mehr noch. Wenn ich nicht genau weiß, wer der nette Mensch ist, der da vor mir sitzt, kann ich immer noch relativ nichtssagenden Smalltalk machen, so dass das gar nicht auffällt und ich mir auch nicht eingestehen muss, dass ich den eigentlich kennen müsste.
Und ich glaube, dass eben auch geistige Einschränkungen, ähnlich wie psychische Erkrankungen, stärker tabuisiert sind als körperliche Erkrankungen. Insbesondere bei der älteren Generation.
Ich bin da vollkommen bei dir, Tigerente. Meine Mutter konnte das meisterhaft kaschieren und ich glaube auch, ich wollte das nicht so genau erkennen, wegen der Konsequenzen, die dann eigentlich fällig wären. Und ich wusste, ich renne da bei meinen Eltern gegen eine Mauer. Als mein Vater gestorben war, hab ich ein paar Nächte dort geschlafen und da fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen, aber da war die Situation auch anders, ich war jetzt „zuständig“ und wusste, ich muss was machen.
Ich denke mir das auch so oft, wenn jemand von seiner Mutter oder seinem Vater berichtet und sagt, er wäre „wahrscheinlich“ dement oder habe „beginnende Demenz“. Und dann wird erzählt, woran man das festmacht und das sind in 90% aller Fälle Geschichten, wo ich denke, das hat mit beginnender Demenz nicht mehr viel zu tun. Also Wahnvorstellungen, schon seit längerem nicht mehr orientiert in Zeit und Raum etc. Als „Kind“ der Eltern will man das nicht wahrhaben.
Meine Schwiegermutter war auch dement und ich mache mir heute noch Vorwürfe, das damals nicht erkannt zu haben. Wir haben damals beispielsweise befremdet festgestellt, dass sie anscheinend gar kein Mitgefühl mehr mit anderen aufbringen kann und vorrangig um sich selbst kreiste. Es gab da eine Situation mit einer Bettnachbarin im Krankenhaus, die starke Schmerzen hatte, sie war nur genervt und äußerte das auch vehement und unhöflich. Es gab einige Anzeichen, beispielsweise zig Schrammen im neuen Auto. Wir dachten, naja, sie war schon immer eine schlechte Autofahrerin. Sie erkannte manche Enkel nicht oder dachte, der 16jährige wäre noch in der Grundschule und wir dachten, ja tüddelig. Aber das ist auch 20 Jahre her und man konnte sich noch längst nicht so gut informieren wie heute.
Wenn ich so richtig Lust auf Schokolade habe, esse ich anstatt der Schokolade eine Banane. Dann eine Paprika, einen Apfel, Reiswaffeln, Naturjoghurt, eine Gurke und dann die Schokolade.
Beim Familienessen am Sonntag, an dem ich krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte, hat der Schwiegervater die Ehemänner der beiden Enkelinnen nicht erkannt und meinen Mann gefragt, wer denn diese Männer seien. Er war auf beiden Hochzeiten. Reaktion meines Mannes beim Telefonat: "naja, er sieht die beiden auch sehr selten und da ist ja verständlich, dass..." Das ist more than tüddelig, aber ich habe nicht weiter kommentiert.
Immerhin hat die Tante gestern angerufen und mir die Nummer der Freundin gegeben, die sie noch besucht, so dass ich dort diese Woche einmal anrufen kann und schauen, ob sie zum Stand mehr weiß.
Zitat von Jorinde im Beitrag #333Beim Familienessen am Sonntag, an dem ich krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte, hat der Schwiegervater die Ehemänner der beiden Enkelinnen nicht erkannt und meinen Mann gefragt, wer denn diese Männer seien. Er war auf beiden Hochzeiten. Reaktion meines Mannes beim Telefonat: "naja, er sieht die beiden auch sehr selten und da ist ja verständlich, dass..." Das ist more than tüddelig, aber ich habe nicht weiter kommentiert.
Genau wie mein Mann. Ich bin mir z. B. nicht sicher, ob meine Schwiegermutter mich noch erkennen würde, wenn sie mir beim Einkaufen begegnen würde. Also außerhalb des häuslchen Kontextes. Trotzdem käme da "sie war halt überrascht, und wahrscheinlich ist ihr nur der Name gerade nicht eingefallen". Dabei fällt ihr der schon seit Wochen nicht mehr ein. Wie ich oben schon schrieb, kam ja auch "ja, unser Sohn sieht der anderen Enkelin halt ähnlich, und dann noch die langen Haare..." - äh, nein. Er sieht auch nicht aus wie die Enkelin mit 15, eher wie der andere Enkel mit 15, aber er hat halt lange Haare. Ihn deshalb mit dem Namen einer 33-jährigen Enkelin anzusprechen finde ich schon einen denkwürdigen Aussetzer. Aber ich darf das auch nicht kommentieren.
Aber gut, dass Du jetzt die Telefonnummer der Freundin hast.
Meinem Mann ging erst dann ein ganzer Kronleuchter auf, als seine Mutter ganz aufgeregt von einem fremden Mann erzählte, der ums Haus spioniert. Da zu der Zeit bei uns in der Gegend eingebrochen wurde, dachte er zuerst an sowas und informierte seinen Vater, auch die Augen offen zu halten. Am nächsten Tag saß sie wieder bei mir in der Küche und erzählte von dem Spion. Und dass der sie sogar im Bad ausspioniert, und in ihrem Bett schläft!
Ich sagte ihr, das sei doch ihr Mann; nein, ihr Mann ist nicht so alt! Das ist ein Fremder, der Rotfüßler! (Schwiegervater trug rote Hausschuhe...)
Manchmal muss es heftig werden, bis die Kinder es schnallen.
So, spannend, ein Denkprozess scheint im Gange zu sein. Wir kamen heute (auf Umwegen) auf meine Schwiegermutter zu sprechen.
Ich sagte zu meinem Mann, er solle jetzt nicht sauer sein, aber es scheine ja schon so, dass inzwischen das Leben der Schwiegermutter aus "Haushalt machen" und "vor dem Fernseher sitzen" besteht und ganz schön einsam ist, unterbrochen nur von dem Mittagessen am Wochenende mit uns und ab und zu mal einem Besuch bei /von einer Freundin. Und dass ich mich frage, wann die Waage eben doch Richtung "Heim" kippt, im Sinne von "sie verliert dann zwar ihre Tätigkeiten, die dafür sorgen, dass sie sich noch beschäftigt fühlt, nämlich den Haushalt, aber sie gewinnt, mehr unter Menschen zu sein". Da sagte er dann, ja, darüber denke er inzwischen auch immer mal wieder nach. Immerhin. Harren wir also weiter der Dinge.
Jorinde, wie ist die Lage bei Deinem Schwiegervater und bei der Bekannten aus Deiner Heimatstadt, von der Du kürzlich schriebst?
Liebe @Tigerente, meine Mutter ist Anfang des Jahres ins Heim umgezogen, nicht gerade gerne, und sie hat es meine Schwester und mich auch spüren lassen. Mittlerweile fühlt sie sich aber sehr wohl und hat auch schon mehrfach gesagt dass es ja doch keine schlechte Idee war. Sie ist nicht mehr wirklich gut zu Fuß, und Einsamkeit war schon ein Thema, auch wenn sie das nie zugegeben hätte. Jetzt ist sie unter Leuten, bekommt jede Menge Besuch und ich erreiche sie halbwegs sicher telefonisch erst nach acht (wohne knapp 250 km entfernt). Also ich denke du hast recht, deiner Schwiegermutter würde es tatsächlich besser gehen.
Bin sehr stolz, dass ich langsam gelernt habe, abzuwarten und die Klappe zu halten.
Gerade ist meine Schwägerin bei ihrer Mutter zu Besuch, gestern waren sie zum Abendessen bei uns. Danach Kartenspielen - wir haben jetzt nach ca. einem Jahr oder so ein Kartenspiel gespielt, das meine Schwiegermutter wirklich geliebt und mindestens 50 Jahre lang mit Leidenschaft gespielt hat. Vor einem Jahr ging das noch, auch wenn sie manchmal halt was kurz nicht mitbekommen hat (wer mit wem zusammenspielt aufgrund des Ausspielens einer bestimmten Karte). Plötzlich wusste sie die Regeln nicht mehr. Gar nicht. Kamen auch nicht wirklich wieder bei "halboffenem Spiel".
Als sie weg waren, lag mir auf der Zunge was dazu zu sagen. Habe ich aber nicht. Irgendwann sagte mein Mann dann "in letzter Zeit hat sie wirklich sehr abgebaut" und erzählte dann, wie sehr sie darunter leidet, dass ihr z. B. mein Name ganz oft nicht mehr einfällt.
Ich glaube, das muss alles bei ihm noch weiter sacken. Und er drüber reden, wenn er sich den Moment aussucht. Und dass er nach außen hin oft abwiegelt, scheint auch "Schutz vor Diskussionen, denen er sich nicht stellen will" zu sein. Ich dachte ja lange, er nimmt die Verschlechterung nicht wahr, aber das scheint er immerhin doch zu tun.
Dein Beitrag ist zwar schon eine ganze Weile her, trotzdem würde mich wirklich brennend interessieren, wie der aktuelle Stand der Dinge bei Dir / Euch so ist? Das, was Du berichtest, könnte tatsächlich ich geschrieben haben - außer, dass ich keine Schwester habe und so gut wie "allein auf weiter Flur" stehe.... Mein Vater war schon immer sehr schwierig, aber das was in den letzten fast 2 Jahren geschieht, spottet jeder Beschreibung.....
@sunshine0769 entschuldige bitte, ich habe deinen Beitrag erst heute gesehen.
Ja, das Altwerden mit all seinen Schwierigkeiten ging und geht weiter. Vielleicht hast du ja einiges gelesen.
Was soll ich sagen, die beiden sind noch zuhause, beide werden immer wackeliger, was ja in dem Alter auch normal und in Ordnung ist. Nach wie vor können oder wollen sie keine Hilfe annehmen. Letzte Situation, Mutter im Krankenhaus, Vater fährt meist selbst, fremde Strecke, Großstadt, alle gegen ihn, Parkplatz kostet Geld? muss man nicht zahlen, die können eh nicht kontrollieren, Mutter wieder zuhause, soll sich absolut schonen, nein ich soll nicht kommen, können sie alles selbst ... Ja, es spricht bei mir Frust und vorallem Unverständnis, dass sie so gar keine Hilfe auf Nachfrage annehmen und auch von sich aus nicht fragen. Bricht einem ein Zacken aus der Krone, wenn man statt morgens um 6, durch den Berufsverkehr, die Frau zur Herzop zu fahren, aufgeregt, unausgeschlafen - bei den Kindern nachzufragen? Die im Übrigen auch gefragt haben.
Ich habe mich innerlich schon ganz gut abgegrenzt, in solchen Situationen fällt es mir doch schwer, ruhig zu bleiben.
Magst du von deinem Vater/Eltern erzählen?
Menschen können nicht irgendein Leben führen, sondern nur ihr eigenes. Remo Largo
@Hobbitfrau, ich kann Deinen Frust sehr gut nachvollziehen, same here.
Aber, was man nicht vergessen solllte: Das sind, bei aller Klapprigkeit, erwachsene Menschen, die selber wissen müssen, was sie tun. Sie sind nicht unsere Kinder, nicht unmündig und in einem gewissen, noch jungem, Alter auf uns angewiesen. Man kann Hilfe anbieten, gute Ratschlage geben, auch mal ein bissl drängen...... Aber letztendlich treffen sie ihre Entscheidungen.
Und, ganz ehrlich ? Ich wäre auch so. Da ich keine KInder habe, die mir im Alter helfen könnten, muß ich es dann sogar sein.
Und deshalb habe ich mich auch etwas rausgezogen und wenn auf Angebote nichts kommt, dann lass ich es auch gut sein. Aufdrängen will ich mich ja nicht. Und ich denke mal, die "jetzt geht es noch irgendwie Phase" ist sowieso auch mal vorbei.
Dann wird man weitersehn.
Menschen können nicht irgendein Leben führen, sondern nur ihr eigenes. Remo Largo
Dieses jegliche Hilfe ablehnen, auch ärztliche, hat bei meiner Mutter zu einem schnellen Versterben geführt. Sie war bereits leicht dement und wir denken heute, uns blieb viel Leid erspart.
——————————————————————————————————— Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was man aus ihnen macht. (Jean Anouilh)
@Tigerente - danke für die Nachfrage. Ich war mit einem beruflichen Riesenevent, das gestern glücklich seinen Abschluss fand, sehr abgetaucht. Die Sache mit der Tante gehe ich heute abend an, wenn mein Arztbesuch nachher erfreulich verläuft, ich bin etwas besorgt.
Der Schwiegervater - tja. Mein Mann eiert herum wie Deiner, er sieht die Verschlechterung schon, drückt sie aber zumeist weg. Kommt hinzu, dass sein kleiner Bruder sich, was sich bei der Steuerklärung, die mein Mann für den Vater macht, gezeigt hat, (erneut) eine größere Summe geliehen hat, die übliche "kurzfristige Überbrückung" fürs Geschäft. Ich finde es absolut unmöglich, einen alten Mann anzupumpen, den das aufregt und der auch nicht mehr alles überblickt. Er gibt ihm das Geld - nach meiner Meinung - nicht deswegen, weil er das gerne tut, sondern weil er Angst vor dem Theater hat, was ausbricht, wenn er es nicht tut. Ich habe das nur am Telefon gehört und mein Mann hat es seitdem nicht mehr angesprochen. Und ich bin etwas zurückhaltend, es von mir aus zu tun. Das ist eine sehr ungute Familiendynamik...
Es wird sein Ende finden, wenn der Schwiegervater seine Bankgeschäfte nicht mehr selbst führen kann, das ist absehbar. Dann wird mein Mann das übernehmen und den Hahn abdrehen. Allerdings hat der sich als Business-Man gerierende Bruder wohl schon mehr "Überbrückungen" erhalten als sein Erbteil wäre, und es gibt auf deutlich bescheidenerem Fuß lebende Geschwister, die davon nichts wissen und nicht dauernd da stehen und die Hand aufhalten. Ich sehe Ärger am Horizont...
Oh, Jorinde, so eine Situation hatten wir bei meiner Oma damals auch. Da hat ihr mein Onkel auch mit tränenreichen Geschichten so nach und nach das (wenige) Geld aus der Tasche gezogen, das sie besaß. Das sonstige Erbe war schon vorher verteilt worden (Bauernhof, das renovierungsbedürftige alte Haus, in dem die Oma wohnte, hat mein Vater erhalten, mit lebenslangem Einsitzrecht für seine Mutter, den sonstigen Grund der Bruder, die restliche "Unwucht" dadurch ausgeglichen, dass mein Vater seinen Bruder ausgezahlt hat). Mein Vater hat seinem Bruder sogar immer mal wieder einen Acker (und ja, es waren Äcker, sie sind nie Bauland geworden oder so) zu überteuerten Preisen abgekauft, um ihn zu unterstützen.
Als der dann bemerkt hat, dass in relativ kurzem Zeitraum 10.000 Mark nach und nach vom Sparkonto verschwunden sind, hat er das Sparbuch einbehalten und (wie man es heute formulieren würde) Betreuung beantragt und erhalten. Der Bruder war stinksauer.
So gesehen siehst Du den Ärger am Horizont schon richtig - der kommt dann von allen Seiten.
Hier ansonsten alles unverändert, aber ich habe nach einem längeren Gespräch mit einer alten Bekannten, deren Mutter seit gut 2 Jahren in einer wirklich guten Einrichtung lebt (auch wegen Demenz) den Eindruck gewonnen, dass es aktuell noch gut so ist, wie es ist, und vielleicht "erstmal abwarten" doch keine ganz falsche Strategie ist. Aber vielleicht täusche ich mich auch.
Warum das - ist die Betreuung nicht so, dass die Mutter Unterhaltung hat, unter Leuten ist und es ihr gut geht? Du hattest doch das Gefühl, dass Deine Schwiegermutter etwas einsam ist...
Oh, ich glaube, da geraten zwei Dinge durcheinander.
"Betreuung beantragt" bei meiner Oma heißt, dass sie damals (in den 80ern hieß das noch so) entmündigt wurde und mein Vater ihr gesetzlicher Vertreter war, der damit unterbinden konnte, dass sie alles Geld, das sie für sich brauchte, dem anderen Sohn in den Rachen schmeißt. Sie hatte nämlich nur 500 Mark Rente, und aß verschimmelte Reste, weil sie so wenig Geld hatte, steckte aber dem jammernden Sohn ihre Ersparnisse zu. Also das ist die eine Geschichte, wie gesagt, von meiner Oma, lange her, 80er Jahre.
Das mit meiner Schwiegermutter - ja, diese Unterhaltung mit der Bekannten hat das Gefühl, dass sie in einer Einrichtung "Unterhaltung hat und unter Leuten ist" etwas relativiert. In dem Fall geht es um eine Demenz-WG, 8 Leute in einer riesigen Wohnung mit großer Wohnküche, 3 Bädern, jeder ein eigenes Zimmer, eine Kraft von einem Pflegedienst ist immer vor Ort, zeitweise mehr. Aber: aufgrund der verschiedenen Stadien der Demenz sind da eben einige, die sitzen auch nur in ihren Zimmern, und "Bespaßung" ist eben so viel auch nicht. Also, man könnte natürlich z. B. mit in der Küche sitzen, wenn dort das Essen gekocht wird, und dabei auch was schnippeln oder so, aber am Ende machen das dann wohl doch die wenigsten. Klang jedenfalls so. Und in Heimen, habe ich das Gefühl, ist die Personaldecke halt noch dünner. Und dadurch, dass es so viele Hilfen gibt, um in der eigenen Wohnung zu bleiben, sind heutzutage in Pflegeheimen wohl doch eher sehr hinfällige Menschen, so dass Unterhaltung und Gesellschaft durch die anderen Mitbewohner halt auch nicht so doll sind.
Also, es hat sich halt auch relativiert, weil ich in zwei Fällen, wo man sagen würde, da geht es den Menschen besser als allein zu Hause, jetzt mitbekommen, wie viel weiter die Demenz da fortgeschritten war als bei meiner Schwiegermutter. Aber das kann natürlich jederzeit eskalieren.
... und bleibe zweispältig. Wenn ich dann wieder erlebe, wie kompliziert es heute z. B. beim Mittagessen war zu verabreden, wo wir sie morgen treffen, wenn wir gemeinsam mittagessen gehen. Hier sind wegen eines Events einige Straßen gesperrt, so dass wir sie nicht mit dem Auto zum Essen holen können, stattdessen wollen wir bei ihr gegenüber in ein Restaurant gehen. Es gab viele Missverständnisse, wo wir uns vor dem Reingehen treffen, obwohl wir uns immer am Eingang getroffen haben, und am Ende werden wir morgen vermutlich suchen müssen, wo sie dann wirklich steht. Oder ihre Fragen nach den Abiturfächern des Enkels - sie fragte, aber an ihren Antworten konnte man ablesen, dass sie nicht mehr verstand, was die Wörter bedeuten. Diesen "leeren Blick" des Typs "ich habe keine Ahnung, was Du gerade gesagt hast, aber ich glaube, ich nicke einfach mal und sage 'ja,ja' oder so" habe ich heute gefühlt öfter als früher gesehen. Auch der leere Blick, als mein Mann Witze machte, sie würde dann ja eh da-und-da schon wegen des Events an der Straße stehen (was sie jedes Jahr getan hat, seit ich sie kenne), als wüsste sie gar nicht, was das für eine Veranstaltung ist und dass sie sich je dafür interessiert hat.
Also mal sehen, wie alles weitergeht.
@Hobbitfrau ja, das ist alles schwierig. Ich erlebe es oft bei Männern, die im Leben so die "Macher" waren, egal ob "Manager" oder "Handwerksmeister" oder was auch immer, so der "Patron" der Familie, der alles im Griff hat, und deren Selbstbewusstsein hauptsächlich darauf gründet. Denen fällt das ganz schwer sich einzugestehen, dass sie mal Hilfe brauchen. Da kannst Du aber nicht viel machen. Außer immer wieder signalisieren, dass Du bereit stehst zu helfen, wenn nötig. Ich fand das interessant, in Niedersachsen hat ja gerade der Ministerpräsident Stefan Weil seinen Rücktritt erklärt, u. a. mit der Begründung "ich bin 66 Jahre alt und das merke ich auch". Und ich fand es total wohltuend, neben all den Anfeindungen ("er hat versprochen, die ganze Legislaturperiode zu machen, dann soll er das auch einlösen") heute einen Artikel in der Zeitung zu lesen, der genau das lobte - eben nicht zu warten, bis man komplett zusammenklappt, sondern zu akzeptieren, dass man älter wird und nicht mehr alles kann, und dann auch Konsequenzen zu ziehen.
Ja, die Konsequenzen zu ziehen fällt ihm schwer bzw tut er nicht. Online Bankgeschäfte, Uraltrechner wo es vorne und hinten hakt, die Autofahrerei ....
Meine / unsere Unterstützung anbieten, mache ich. Kommt nichts von ihnen, dann ist es so. Jedenfalls frage ich nicht ständig nach, wir sind im Fall meiner Mutter so verblieben, sie meldet/n sich wenn nötig.
Menschen können nicht irgendein Leben führen, sondern nur ihr eigenes. Remo Largo