Für mich wäre die bulgarische Küche auch eine Herausforderung. Allein wie oft du von Paprika schriebst! Eigentlich lecker, aber vertrage ich leider überhaupt nicht.
Wobei - es gibt doch sicher viel Schafskäse, oder? Den mag ich gern.
Danke für die Eindrücke aus Bulgarien. Freue mich immer über Urlaubsberichte. Wird vermutlich nicht mein Reiseland werden, die Eindrücke lesen sich aber toll
Der Wettergott meinte es gut mit uns und wir hatten einen regenfreien Tag mit einem Wechsel aus Sonne und Wolken und gut 20°C.
Das Frühstück wurde der französischen Reisegruppe und uns serviert, damit war es angenehm ruhig im Speiseraum. Es gab pro Person zwei kleine Scheiben Weißbrot (wir hätten mehr haben können), eine Scheibe Putenbrust, eine Scheibe Käse, eine Scheibe Tomate, je ein Päckchen Butter, Konfitüre und Honig, ein Ei (Eier gibt es hier morgens entweder kalt und hart gekocht oder seltener als Rührei oder Spiegelei), zwei kleine süß gefüllte Gebäckstücke und ein Töpfchen bulgarischen Joghurt. Und dazu Kaffee oder Tee, Saft und/oder Wasser. Wer sehr bestimmte Vorlieben hat, wäre damit vielleicht nicht so glücklich, wir waren zufrieden.
Danach durchstreiften wir den kleinen Ort in allen vier Himmelsrichtungen, lasen uns all die Informationstafeln am Weg durch, kletterten zu einer großen Statur eines Helden des Aprilaufstands von 1876 hinauf. Wir saßen eine Weile oberhalb des Ortes an einem plätschernden Bach, beobachteten an anderer Stelle ein Storchenpaar bei der Nachwuchs-Sorge. Vorbei kamen wir an dem kleinen Wochenmarkt mit vielleicht zehn Ständen (Damenkleidung, Herrenkleidung, Hauswäsche, Schuhe, Gewürze und Trockensortiment, Setzpflanzen, lebende Kaninchen und Jung-Geflügel, Reinigungsmittel und Gemüse). Kurz, wir vertrödelten den Tag als Erholungstag.
Gelernt haben wir aber immerhin, dass Koprivshtitsa zu Zeiten der nationalen Wiedergeburt ein wichtiger Ort in Bezug auf die Bildung war. Dort wurden in der ersten Hälfte des 19. Jhts. Schulen in kirchlichen und privaten Häusern eingerichtet, in denen die bulgarische Schrift und Sprache sowie Theologie gelehrt wurde. Zuerst waren die Schulen kirchlich geprägt, später entstanden säkularisierte Schulen, ein Schulgebäude wurde gebaut und zu der Zeit „moderne“ Schulkonzepte und Pädagogik eingeführt. Dies hat sehr viel zur Entwicklung und Verbreitung des wieder auflebenden nationalen Identitätsgefühls beigetragen.
Gegessen haben wir, wie gestern auch, im Restaurant in unserem Hotel. Es gibt natürlich noch andere Gaststätten, aber die Speise-Auswahl ist bei uns ganz gut und die Qualität woanders sicher nicht besser. Wir kämen uns auch etwas komisch vor, wenn wir woanders einkehren würden, was dem Wirt nicht verborgen bleiben würde. Gestern habe ich mich an einer lokalen Spezialität versucht: Eine absolut fleischlastige Angelegenheit bestehend aus in sehr viel Öl gebratenen Stücken von Schweinefleisch, Leber und einer lokalen Wurst, ein paar Zwiebelstreifen waren auch dazwischen. Genau das richtige für einen Gemüse-Junkie wie mich ;-), aber ich bin ja zum Glück nicht dogmatisch unterwegs und habe einen stabilen Magen. Beilagen müssen gesondert bestellt werden, ich hatte etwas Brot und immerhin noch einen Salat dazu. Zum Ausgleich hatte ich heute gedünstetes, mit Käse überbackenes Gemüse und dazu Kartoffeln.
Tag 16 – Koprivshtitsa -> Trjavna
Diesmal waren wir wieder einmal ganz allein beim Frühstück und unsere Auswahl wurde erweitert um arme Ritter, eine kleine Banitza und Erdbeeren :-)) Wir haben „unserem“ Storchenpaar nochmal einen Besuch abgestattet, dann setzte heftiger Regen ein und wir verbrachten die restlichen Stunden bis zu unserer Abfahrt im Zimmer und Hotelrestaurant. Im Ort fand eine große Hochzeit mit sehr, sehr vielen Gästen und Kapelle statt. Wir sind nochmal kurz zum Platz vor der Gemeindeverwaltung gegangen, haben einen Blick auf die Braut erhascht und den Beginn eines Kreistanzes beobachtet, wurden dann aber vom wieder einsetzenden Regen zurück ins Hotel getrieben. Die Tage in Koprivshtitsa waren für uns Erholungstage ohne Programm, was zwischendurch gut tat.
Bei strömendem Regen ging es dann wieder Richtung Bahnhof, aber schon während der Autofahrt klarte der Himmel auf. Die Bahnfahrt nach Trjavna dauerte gut drei Stunden mit einem Umstieg und war wieder ein landschaftliches Highlight. Zuerst ging es durch einen langen Tunnel, dann begannen die Rosenfelder, in die wir diesmal richtig hineinfuhren. Nach unserem Gefühl hatten die Rosen in den letzten drei Tagen deutlich an Farbe gewonnen, sie waren inzwischen tief dunkelrosa. Anschließend fuhren wir durch ausgedehnte Obstwiesen mit großen Bäumen, erkennen konnte ich eindeutig Kirschen und Pflaumen. Dann ging es wieder in die Berge, diesmal durch sehr viele Tunnel und dazwischen Panoramablicke auf Bergketten des Balkans, dichte, dunkelgrüne Wälder und weite, malerische Täler.
Kurz nach 18 Uhr kamen wir – pünktlich – in Trjavna an und gingen den kurzen Weg zu unserem Hotel zu Fuß. Diesmal ist es ein kleiner Neubau mit geräumigen Zimmern und Bädern. Unten im Haus ist ein Café/Cocktail-Bar und die Außenplätze im Garten werden gemeinsam von Café- und Hotelgästen genutzt. Bei unserer Ankunft hämmerte Musik aus Lautsprechern, aber bei unserer Rückkehr nach einem kleinen ersten Rundgang durch die Stadt war es schon deutlich leiser und kein Thema mehr. Am späten Abend zog ein kräftiges Gewitter mit wieder viel Regen auf. Wir hoffen erneut auf die Gunst des Wettergottes.
Tag 17 – Trjavna
Trjavna ist von drei Seiten von Ausläufern des Balkangebirges umgeben und dadurch klimatisch begünstigt. Die Kunstschule der kleinen Stadt ist eine der bekanntesten und ältesten Bulgariens, jahrhundertelang gab es berühmte familiengeführte Werkstätten für Holzschnitzerei, Ikonenmalerei und Architektur, in denen das Wissen von Vätern an Söhne weitergegeben wurde. Nachdem die Industrie im Ort weggebrochen ist, wird verstärkt auf Tourismus gesetzt. Der Ort hat einen netten, lebhaften Ortskern, viele kleine Museen und Geschäfte, in denen Kunst, kunstgewerbliche Gegenstände und Souvenirs für unterschiedliche Geschmäcker verkauft werden. Teilweise gehören Werkstätten zu den Geschäften und man kann zusehen, wie z. B. Schnitz- oder Lederarbeiten hergestellt werden.
Unser gebuchtes Frühstück erhielten wir im Café im Haus, auch dort waren wir wieder einmal die einzigen Gäste. Es gab für uns Pfannkuchen mit Käse und Schinken.
Bei schönem Sommerwetter sind wir als erstes, über viele Stufen, zu dem außerhalb des Ortskerns gelegene Museum für Ikonenmalerei hinaufgestiegen, wo rd. 160 Werke von Künstlerfamilien aus Trjava ausgestellt sind. Es gab zwei DIN-A4-Seiten mit einer Einführung auf deutsch und wir haben uns dann mit Hilfe der KI weitere Auskünfte geholt. Zwei Mitarbeiterinnen waren vor Ort, eine ältere, die seit 35 Jahren in dem Museum arbeitet und über umfassendes Wissen verfügt, aber leider kein englisch spricht. Die jüngere Mitarbeiterin hat sich sehr bemüht, uns Erklärungen auf englisch zu geben. Ich glaube, sie haben sich sehr gefreut, dass wir uns viel Zeit genommen haben und die Werke mit großem Interesse betrachtet haben. Sie hatten eine Ikone eines Absolventen der örtlichen Kunsthochschule zum Verkauf im Museum und wir wurden auf sehr zurückhaltende Art, eigentlich schon schüchtern gefragt, ob wir sie uns anschauen möchten. Da meine Schwiegermutter gern eine Ikone als Mitbringsel haben möchte, haben wir sie uns zeigen lassen, sie wurde dann aus einem kleinen Tresor entnommen (es war wirklich nur die eine darin). Da sie uns in ihrer Schlichtheit sehr ansprach und ein Kauf ja sowieso geplant war, haben wir diese abgekauft. Die ältere Mitarbeiterin hat dann noch ein Zertifikat hervorgeholt, in dem die Herkunft bestätigt wird. Die Schwiegermutter wird sehr zufrieden sein.
Anschließend gingen wir ein Stück aus der Stadt heraus an einen See, wo sich eigentlich ein Restaurant befinden sollte. Das war auch da, nur hat die Küche nicht gearbeitet. Außer einem Getränk gab es nichts. Also gingen wir zurück in die Stadt, wo ich mal richtig nach meinem Geschmack essen konnte: grüne Bohnen mit Tomaten, Käse und einem poschierten Ei, dazu ein frisch gebackenes Pfannenbrot. Alles gut gewürzt und sehr lecker.
Im Anschluss ging es in ein weiteres Museum, diesmal für Holzschnitzerei. Im Erdgeschoss war eine Werkstatt und diverse Schnitzarbeiten, Ornamente, Reliefs und Figuren zu besichtigen. Im Obergeschoss waren die mit Schnitzereien verzierten Wohnräume des reichen Bauherren zu besichtigen (Bauzeit Anfang 19. Jht.). Die Besonderheit waren dort die Deckenschnitzereien in zwei Räumen, die die Sonne darstellen. Diese sollen in einem Wettbewerb zwischen einem Meister und seinem Schüler entstanden sein. Beide habe sechs Monate daran gearbeitet, ohne das Werk des anderen zu sehen. Am Ende wurden die Decken von lokalen Kennern begutachtet. Der Meister wurde zum Sieger erklärt, der Schüler wurde zum Meister ernannt und heiratete eine Tochter des Meisters. Also haben beide gewonnen, so die Überlieferung.
Wir haben dann noch nach einer bestimmten Galerie/Künstlerwerkstatt gesucht, die aber unter der im Web veröffentlichten Adresse nicht zu finden war. Da wir keine Lust hatten weiter zu suchen, kehrten wir zu unserem Hotel zurück und verbrachten den Abend auf dem Balkon unseres Zimmers, diesmal mit spanischer Musik in Dauerschleife, die aber auch wieder frühzeitig abgestellt wurde. Mein Eindruck ist, dass sich im Außenbereich mehr Katzen als Gäste treffen bzw. Freunde des Wirtes mal kurz hereinschauen. Das Hotel/Lokal liegt halt nicht direkt im Hotspot des Ortes, sondern drei/vier Gehminuten außerhalb, da kommt schon keine Laufkundschaft mehr vorbei.
Tag 18 – Trjavna
Zum Frühstück bekamen wir heute Sandwiches mit Schinken und Käse überbacken. Auch wenn wir jetzt sehr einfache Sachen serviert bekommen, empfinden wir es durchaus auch als entspannend, mal überhaupt gar nichts entscheiden zu müssen.
Heute sind wir zu einem Spaziergang in die Umgebung von Trjavna aufgebrochen. Es gibt drei ausgeschilderte Wanderwege, jeder ist mit einer Dauer von zwei Stunden für die einfache Strecke ausgewiesen. Da uns vier Stunden doch etwas zu lang waren, Einkehrmöglichkeiten gab es zwischendurch nicht, haben wir beschlossen zwei sich kreuzende Weg zu kombinieren, den einen ca. zur Hälfte als Hinweg, bei dem zweiten die erste Hälfte als Rückweg. Blöd ist halt nur, wenn die Wege teilweise so ausgeschildert sind, dass man sich umdrehen muss, um die Richtungspfeile zu sehen. Nun gut, wir haben die Kreuzung der Wege nur um vielleicht eineinhalb Kilometer verpasst, dann sind wir sowieso umgekehrt, weil wir nicht das richtige Schuhwerk für den weiteren Weg hatten. Dabei haben wir dann zufällig die geplante Strecke entdeckt und sind abgebogen. Während wir auf schmalen und rutschigen Erhebungen zwischen sehr tief ausgespülten und wasserführenden Fahrrinnen und ähnlichem balancierten, mussten wir amüsiert an die Streckenbeschreibung denken: An easy trail for all ages … Belohnt wurden wir aber mit Vogelkonzerten, Weitblicken über Täler, blühenden Wiesen und der Abwesenheit jeglicher Kulturgeräusche. Merke: Trotz möglichst minimalistischem leichten Reisegepäck müssen beim nächstem Urlaub dieser Art ordentliche Wanderschuhe mit guter Profilsohle mit.
Wieder im Ort angekommen, mussten wir feststellen, dass der Montag hier der allgemeine Schließtag der Gastronomie ist. Nun gut, nach ein bisschen Suchen haben wir dann ein offenes Restaurant gefunden (und nachdem wir gegessen hatten natürlich doch noch das eine oder andere). Inzwischen hatte sich der Himmel zugezogen und wir machten uns vorsichtshalber auf in Richtung Hotel, wo wir im Trockenen eine Gewitterfront vorüberziehen lassen konnten. Später lockerten die bedrohlich wirkenden Wolken dann langsam auf und es reichte noch für einen kleinen Abendspaziergang mit Einkauf an Reiseverpflegung für den nächsten Tag. Wir kamen dabei wohl in die rush hour mit Schlangen an den Kassen des Supermarktes, was wir bisher noch nicht erlebt hatten.
"Bescheidenheit ist die subtilste Form von Arroganz." Sprichwort
Vielen Dank für Deine ausführlichen Berichte, Lea!
Die sind so gut, daß ich wirklich die Atmosphäre spüren kann. Deine Beschreibungen sind wirklich Werbung für das Land. Realistisch, aber wohlwollend.
Ich habe gerade alles nach Sofia auf einen Rutsch durchgelesen, weil ich vorher keine Zeit hatte, alles in Ruhe zu lesen. Das ist viel zu interessant, um es nur zu überfliegen. Nebenbei hatte ich eine Karte von Bulgarien geöffnet, weil da viele Ortsnamen dabei sind, die ich noch nie gehört hatte.
Manches (vieles) erinnert mich an meine Reisen durch damals Jugoslawien und Griechenland mit der Bahn und später dann durch Ungarn und Rumänien und ich schwelge gerade in Erinnerungen. Allein die Tomaten!!!
Ich wünsche Euch weiterhin interessante Tage und freue mich schon auf den nächsten Bericht!
Es wäre schon viel geholfen, wenn jeder einfach "nur" seine Arbeit machen würde, aber die wirklich großartigen Dinge auf dieser Welt geschehen nur, weil jemand mehr tut, als er muss.
Mmmmhhhh, eure kleine Banitsa zum Frühstück weckt Erinnerungen...... Banitsa kann so lecker sein! Fluffig weich und knusprig zugleich, einfach mit Sirene-Käse oder süß mit Puderzucker. Das hab ich früher bei Reisen in Sofia total gern gegessen.
Danke für die schönen Reiseberichte!
Und toll, dass ihr als Paar so schöne Reisen machen könnt. Es liest sich stimmig, neugierig, zufrieden. - Genießt die Reise weiter!
In unserem Frühstückcafé, das regulär um 8:30 Uhr öffnete, hatten wir angesagt, dass wir ca. 8:45 Uhr zum Bahnhof aufbrechen müssen und daher gern am Morgen nur einen schnellen Kaffee und vielleicht ein kaltes Sandwich hätten. Uns wurde dann kurz nach halb neun das üppigste Frühstück, das wir dort je erhielten, mit einem Brotkorb, mehreren Sorten Wurst, Käse, Butter und Tomaten serviert. Mit der Ansage, wir könnten gern mehr haben, falls es nicht reicht. Nun gut, wir haben uns dann halt schnell belegte Brote geschmiert und gegessen, was die Zeit erlaubte.
Unsere letzte Bahnfahrt stand an. Einige allgemeine Beobachtungen: Die Zugbegleiter und -begleiterinnen haben keine Dienstabteile, sie reservieren sich eine Vierer-Sitzgruppe mit Tisch in einem Großraum-Abteil. Die Frauen machen sich ihren Arbeitsplatz dann auch gern mal schön, indem sie z.B. ein Deckchen und einen Blumentopf auf das Tischchen stellen, sich einen Kaffeebecher und Teller mitbringen usw. Und bei längeren Zügen/Fahrten mit einer weiteren Begleitung trifft man sich dann auch mal auf ein Schwätzchen. Beim männlichen Personal haben wir nicht beobachtet, dass sie sich den Arbeitsplatz regelrecht einrichten, da steht dann nur ihre Tasche und das Jackett liegt bei höheren Temperaturen auf dem Sitz.
Leider sind die Bahnhofsgebäude in kleineren Orten alle mehr oder weniger Ruinen, manchmal noch mit einer Beschriftung, oft ist diese aber auch schon verschwunden. Dabei waren die einheitlichen, funktionalen kleinen Gebäude aus Beton urspünglich durchaus recht hübsch gestaltet. In den größeren Orten gibt es entsprechend größere Bahnhofsgebäude, die noch in Betrieb und mehr oder weniger intakt sind. Als Fremder kann man in den kleinen Orten oft nur anhand der Uhrzeit ahnen, wo man gerade ist. Ansagen der Stationen haben wir nur in einem einzigen Zug erlebt.
Die Übergänge zu den verschiedenen Bahnsteigen gehen eigentlich immer über die Gleise und sind oft etwas beschwerlich. Aber auch die seltenen Unterführungen sind zumeist nur mit Treppensteigen nutzbar, an Fahrstühle kann ich mich nur in Sofia erinnern. Und wie schon früher geschrieben, sind die Einstiege in die Züge auch oft herausfordernd hoch und schmal. Wir haben dafür unsere Technik entwickelt, einer steigt ein und der andere gibt das Gepäck hoch. Das muss dann auch schnell gehen, weil die Haltezeiten sehr, sehr kurz sind, und man schon angeranzt wird, wenn es zu lange dauert. Der letzte Passagier, der ein- oder aussteigt, schließt dann die Tür mit dem Türhebel, automatische Türen sind höchst selten.
Bahnfahren ist extrem preisgünstig. Bis auf ein einziges Mal auf sehr kurzer Strecke waren die Züge immer in einem ordentlichen Zustand, nicht wirklich modern, aber in Ordnung. Die Busverbindungen zwischen den Orten werden von moderneren Bussen bedient, sind aber deutlich teurer, dafür aber oft auch schneller als die Bahn.
Unsere Zugfahrt von Trjavna nach Veliko Tarnovo dauerte nur gut eine Stunde und das auch nur, weil die Schnellverbindung ausfiel und wir daher die (frühere) Zuckelbahn mit vielen Halten nehmen mussten. Es ging dann noch einmal an schroffen, steilen Felswänden vorbei, aber auch durch hügelige Landschaften und lichtere Wälder. In Veliko Tarnovo wurden wir am Bahnhof von unserer Stadtführerin erwartet, die uns mit dem Auto zum Hotel brachte, wo wir unser Gepäck schon einmal abstellen konnten.
Dann ging es für ca. zwei Stunden zu Fuß durch die Stadt und wir bekamen sehr viel Information zu der wechselhaften bulgarischen Geschichte, da in Tarnovo häufiger wichtige historische Entscheidungen gefallen sind. Es war im 13. und 14. Jht., vor der Besetzung durch die Osmanen, die Hauptstadt Bulgariens, und nach der Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit in der zweiten Hälfte des 19. Jhts. fanden dort die konstitutionellen Verhandlungen statt. Dass dann Sofia, das damals ziemlich unbedeutend war, zur neuen Hauptstadt wurde, lag auch an den geografischen Gegebenheiten. Tarnovo ist sehr, sehr hügelig und die Möglichkeiten zur Ausweitung sind begrenzt bzw. sehr aufwendig. Heute hat Veliko Tarnovo knapp 70.000 Einwohner. Den Beinamen „Veliko“ (= groß oder ruhmreich) bekam die Stadt erst 1965.
Unser Rundgang führte uns an den meisten bedeutenden Bauwerken der Stadt aus verschiedenen Epochen und unterschiedlicher Nutzung sowie Monumenten vorbei. Die riesige Festungsanlage überblickten wir einmal von einer Erhöhung aus und gingen dann noch bis kurz vor den Hauptzugang. Wir erhielten den Tipp, die Anlage bei Interesse morgens oder abends zu besichtigen, wenn keine mit Reisebussen ankommenden Touristengruppen dort und die Temperaturen gemäßigter sind (heute waren es an die 30°C). Zum Schluss ging es noch durch die Handwerkerstraße und wir schauten in verschiedene Werkstätten von national zum Teil bekannter Künstler hinein (Silberschmied, Kupferschmied, Holzschnitzer, Ikonenmaler, Töpferei, Weberei …). Der Bekanntheitsgrad war teilweise an ausgehängten Auszeichnungen, Zeitungsberichten oder Abbildungen von Werken in aufwändigen Bildbänden erkennbar. Die Arbeiten waren wirklich schön, aber wir sind halt nicht so kaufaffin. Unsere Stadtführerin hatte profundes Wissen, konnte unsere Fragen sachkundig beantworten, machte unterwegs aber auch dann und wann „Reklame“ für sicher gute Restaurants, Läden, Sound&Light-Show … Aber das sind vielleicht Informationen, die andere Touristen interessieren.
Durch die Höhenunterschiede, vielen kurvigen Straßen, Gassen und Treppen sowie den in Mäandern durch das Stadtgebiet fließenden Fluss Jantra erschließt sich die Gliederung der Stadt nicht auf Anhieb. Wir werden wohl häufiger Google Maps und den Stadtplan konsultieren müssen, um uns zurecht zu finden. Auf jeden Fall gibt es viel zu entdecken und zu vertiefen.
Nach einem Mittagessen konnten wir dann in unser Hotelzimmer einchecken, wieder ein kleineres Hotel, aber mit gut dimensionierten Zimmern und wertig wirkender, gediegener Einrichtung. Das Bad ist relativ neu, aber traditionell, heißt sehr klein mit Duscharmatur an der Wand und Abfluss in der Mitte. Das ganze Bad dient also ggf. als Duschkabine.
Nach einer Pause auf dem Zimmer brachen wir noch einmal auf. Unser auf gut Glück eingeschlagener Weg führte durch einen schönen Park und an einem Supermarkt vorbei, wo wir eine Kleinigkeit für ein Abendessen auf dem Hotelzimmer einkauften, auf nochmal Restaurant hatten wir keine Lust und zu wenig Hunger. Es gab, abgepackt, Vollkornbrot! Dann bummelten wir Richtung Fluss und hinauf zum Gebäude der Staatlichen Kunstgalerie von Veliko Tarnovo, die in einem imposanten Gebäude von 1934 untergebracht ist. Von weitem sah man, dass es dort ein Café gab, was sich dann aber als ein simpler Getränkestand erwies. Egal, man konnte sehr schön dort sitzen und einen weiten Blick über die Stadt genießen. Die Galerie liegt am Rand eines weiteren Parks (daran gibt es in Bulgariens Städten ja nie einen Mangel), dem Park zum Heiligen Berg. Im unteren Teil waren Reliefs von bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt zu besichtigen. Der bewaldete Hügel kann dann entweder über viele, viele Stufen oder kurvige Seitenwege erklommen werden. Die Treppe ist wohl auch beliebt bei engagiertem Läufern. Wir haben, wahrscheinlich kurz vor dem „Gipfel“, aufgegeben und sind umgekehrt, bleibt uns also noch etwas für die nächsten Abende.
Worunter die Stadt aus unserer Sicht leidet, ist der Autoverkehr. Bei unseren bisherigen Spaziergängen gab es nahezu keine Stelle, an der kein Autoverkehr zu hören war. Dies ist wahrscheinlich den engen Tälern geschuldet, in die die Stadt hineingebaut wurde, wodurch der Schall vervielfacht wird. Was würde die Stadt durch eine Reduzierung des Autoverkehrs und Ausbau der E-Mobilität gewinnen. Zum Glück liegt unser Hotel eingebaut von anderen Gebäuden relativ ruhig.
Tag 20 - Veliko Tarnovo
Wir haben es tatsächlich geschafft, kurz nach sieben beim Frühstück zu sein. Das wird in diesem Hotel wieder à la carte ausgewählt, ergänzen kann man um eine kleine Auswahl an Müslimischungen, Joghurt, Obst und abgepackten süßen Happen. Der Speiseraum ist recht plüschig eingerichtet mit Raffgardinen, Ledersofas, viel dunklem Holz.
Danach ging es zum Zarewez, der Festungsanlage von Tarnovo. Die Anlage hat eine sehr lange Geschichte und war lange uneinnehmbar. Das, was man sieht, wurde fast alles seit den 1930er Jahren rekonstruiert. Von der alten Anlage war bis auf einige (verschüttete) Fundamente nahezu nichts mehr übrig, die Steine wurden halt für andere Bauten genutzt. Rekonstruiert wurden zum Teil die Festungsmauern, Tore und Turmbauten. Vollständig rekonstruiert wurde nur die Himmelfahrtskirche (ehemals Patriarchatskathedrale), fertiggestellt 1981 zum 1.300 Jahrestag der bulgarischen Nation. Sie wurde aber nicht geweiht und ist somit ein Monument, keine Kirche mehr. Da religiöse Motive in dieser Zeit nicht erwünscht waren, wurde sie innen von Künstlern im modernen Stil mit großformatigen Motiven der bulgarischen Geschichte ausgemalt. Ich hätte mir ein paar Erläuterungen der Motive gewünscht, aber dazu gab es vor Ort keine Informationen und mit dem Smartphone konnte ich auch nichts finden. Beeindruckend war es trotzdem. Insgesamt bleibt hängen, dass es sich um eine riesige Festung mit der Kirche, dem Zarenpalast und rd. 400 Steinhäusern handelte, gebaut auf mehreren Hügeln. Mit uns waren recht viele Schulklassen auf dem Gelände unterwegs, das Schuljahr geht zu Ende und es ist die Zeit der Klassenfahrten.
Inzwischen war es wieder sehr heiß geworden, wir sind noch ein wenig mit lautem Froschkonzert am Fluss entlang gegangen. Leider gibt es aber keinen richtigen Weg, der am Flussufer entlangführt. Man musste immer wieder auf stark befahrene Straßen oder über steile Treppen auf die höher gelegenen Straßen ausweichen. Die Häuser ziehen sich die steilen Hänge hinauf, ein bis zwei Etagen zur Straße und vier bis fünf zur Flussseite sind nicht selten.
Nach einem einfachen, kleinen Mittagessen (Kartoffel- bzw. Brokkoli-Bratlinge mit Salat) in einem Parkcafé/-restaurant mit anschließendem „Leute gucken“ von der Parkbank, besuchten wir ein anderes Café und gönnten uns einen Kaffee plus Dessert. Die Bulgaren trinken nach unserer Beobachtung gern und oft Kaffee. Überall stehen Kaffeeautomaten, an denen man für wenig Geld verschiedene Kaffeearten to go ziehen kann, und die häufig genutzt werden. Aber auch die Cafés einfacher oder gehobener Art und die Konditoreien sind gut besucht. Die Auswahl an „Torti“ und „Desserti“ ist oft groß und alles, was wir probiert haben, war sehr frisch und gut. Die einzige Kröte, die zu schlucken ist, dass man die Wahl zwischen Innenplätzen mit lauter Musik oder Außenplätzen mit Zigarettenrauch hat. Hier wird noch deutlich mehr geraucht als in Deutschland. Und nicht immer wird das Rauchverbot in Innenräumen beachtet, Rauchen am geöffneten Fenster ist doch fast schon draußen, oder?
Nach einer ausgedehnten Siesta trödelten wir nochmal los. Irgendwie war aber die Luft raus, so dass wir recht früh ins Hotel zurückkehrten. Für irgendeine Form von Nachtleben reicht unsere Energie nie, so dass selbst Überlegungen wie eine abendliche Einkehr auf ein Glas Bier oder Wein nahe des Hotels nicht in die Tat umgesetzt werden. Mit Veliko Tarnovo werden wir, trotz oder wegen Hitze nicht so recht warm, irgendwie packt uns die Stadt nicht. Ob unsere Aufnahmekapazität einfach erschöpft ist, ob es schlicht zu warm ist oder ob es an der Stadt liegt, können wir nicht richtig fassen.
Tag 21 – Tarnovo
Auch heute waren wir früh am Frühstückstisch und stiegen anschließend über viele Stufen im Park zum Heiligen Berg bis nach oben hinauf. Die Stufen haben wir nicht gezählt, aber es waren schon ganz schön viele. Am Ende der Treppe gab es eine Aussichtsplattform, ein bisschen übertrieben Skywalk genannt, von der man einen schönen Ausblick über einen Teil der Stadt und den Zarewez hatte. Ab dort ging es noch sanft ansteigend ein Stück weiter noch oben. Ein kleines Café lag am Weg, Spielplätze und Picknickplätze. Ganz oben gab es einen Sportbereich mit einem kleinen Sportplatz, Fitnessgeräten und Skateboard-Anlagen. Der Sportplatz und die Fitnessgeräte wurden von einigen Menschen, jünger und älter, mit elektronischer oder ohne Unterstützung/Messung zum Training genutzt. Wer den Aufstieg plus Krafttraining regelmäßig macht, sollte fit bleiben. Für den Abstieg nutzten wir einen der seitlich zur Treppe verlaufenden kurvigen Wege ohne Stufen.
Anschließend besuchten wir die Boris Denev Kunst Galerie. Die Galerie wurde 1934 eröffnet und seitdem wird zeitgenössische Kunst ab ca. der Jahrhundertwende 1900 gesammelt, einige ältere Werke sind aber auch Teil der Ausstellung. Die Galerie ist in einem sehr schönen Gebäude in exponierter Lage untergebracht, erbaut Mitte der 1920er Jahre als Kunsthochschule, danach unterschiedlich genutzt bis zur Umgestaltung als Galerie ab 1985. Im Erdgeschoss werden Werke mit Bezug auf Veliko Tarnovo ausgestellt, im 1. und 2. Stock Werke anerkannter bulgarischer Künstler. Dem Namensgeber Boris Denev, geboren in Veliko Tarnovo, ist ein etwas größerer Teil gewidmet. Der Eintrittspreis betrug für uns „Pensioneri“ 1,02 Euro pro Person (krummer Preis, da vom Leva-Preis in Höhe von 2,00 BGN ausgegangen wird). Angesichts der Fülle der Ausstellung ein eigentlich unangemessen niedriger Preis.
Dann folgte wieder das entspannte Programm wie am Vortag mit Mittagessen, Parkzeit und Café-Besuch.
Tag 22 - Veliko Tarnovo -> Sv. Konstantin i Elena (Die Heiligen Konstantin und Helena), kurz Sv. Konstantin
In der Nacht hatte kräftiger Regen eingesetzt, so dass wir unsere Abfahrtszeit am Vormittag im Hotel abwarteten. Da es wirklich Bindfäden regnete, baten wir den Rezeptionisten uns für die an sich kurze Strecke zum Busbahnhof ein Taxi zu rufen. Wegen des starken Regens waren die Taxis im Ort wohl sehr gefragt, so dass die Wartezeit ungewöhnlich lange dauerte. Der Hotelmitarbeiter fragte mehrfach telefonisch nach. Dann kam endlich ein Taxi. Der Kofferraum des Wagens war aber zur Hälfte mit allerlei Zeug gefüllt, so dass nur eines unser größeren Gepäckstücke hinein passte. Der Fahrer weigerte sich, das zweite Teil ins Wageninnere zu laden, hob unser eines Gepäckstücks wieder aus dem Kofferraum und sagte, wir sollen ein anderes Taxi bestellen. Und weg war er. Also neues Spiel. Das neu gerufene Taxi kam dann zum Glück schnell und dieser Fahrer war dann wieder ein sehr freundlicher Mensch, so wie wir es eigentlich überall erlebt hatten.
Zum Glück hatten wir uns sehr frühzeitig startklar gemacht, so dass wir rechtzeitig am Busbahnhof ankamen. Sonst wären wir wohl etwas nervös geworden. Nach kurzer Nachfrage stellte sich heraus, dass der bereits wartende Bus nicht unserer war. Diesmal hatte unser Verkehrsmittel ausnahmsweise leichte Verspätung. Aber am Ende saßen wir im richtigen Bus und fuhren in drei Stunden nach Varna. Dort kamen wir pünktlich an, die Verspätung wurde wieder eingeholt. Die Strecke Tarnovo-Varna bot landschaftlich nicht soviel, fast alles eben und (noch immer) in wechselnden Monokulturen großflächig landwirtschaftlich genutzt, Weizen, Kartoffeln, Sonnenblumen, hin und wieder Kühe. Aber gut, bei Regen sieht alles etwas trüber aus.
In Varna klappte dann alles wieder wie am Schnürchen. Mit unserem Gepäck gingen wir in Richtung des kleinen Parkplatzes am Busbahnhof, da fuhr auch schon der von unserer Maya von Sofia aus bestellte Fahrer vor. Sie hatte uns das Autokennzeichen, Namen des Fahrers und Telefonnummer durchgegeben. Wir luden das Gepäck schnell ein, so musste er nicht einmal auf die kostenpflichtige Kurzparkzone fahren.
Der Autoverkehr in Varna war sehr dicht und für die rund zehn Kilometer lange Strecke haben wir dann etwa 25 Minuten gebraucht. Und dann waren wir an unserer letzten Station der Reise angekommen. Hier in Sv. Konstantin bleiben wir nun noch eine knappe Woche für einen entspannten Abschluss unserer Rundreise.
Der Name Sv. Konstantin i Eleni geht auf ein Kloster zurück. Es ist das älteste Kur- und Seebad an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Begonnen hat es mit einer Sommerresidenz des Fürsten Ferdinand I. von Bulgarien nahe Sv. Konstantin um 1880 herum, was zu einer sprunghaften Entwicklung der Infrastruktur führte und andere führende Persönlichkeiten anzog. Da der Ort über heiße Mineralquellen verfügt, wurde es auch als Heilbad interessant. Anfang des 20. Jhts. wurde ein Kindersanatorium gebaut und erste kleine Touristenunterkünfte. Ab den 1930er Jahren kam dann mehr Schwung in die Sache, aber so richtig los ging es erst in den 1950er Jahren, nachdem die staatliche Agentur Balkantourist gegründet wurde. Ab dann wurden die großen Badeorte für den Massentourismus projektiert und realisiert. Von 1957 bis 1991 hieß der Ort Druschba, also Freundschaft. Er war immer einer der kleineren, ruhigeren Badeorte, was sicher auch daran liegt, dass es hier nur kleine sandige Badebuchten gibt und keine kilometerlangen Sandstrände wie z. B. in Gold- oder Sonnenstrand, Albena usw.
Nach unserem ersten Rundgang können wir sagen, dass es keinen richtigen Ortskern gibt, sondern eine Ansammlung von Hotelgebäuden, eingebettet in viel Grün, und wenigen kleinen Infrastrukturstandorten mit Supermarkt, Apotheke, wenigen Geschäften und einigen Restaurants, die nicht Hotels angegliedert sind. Es ist halt ein Ort aus der Retorte, die Bauten größtenteils aus der sozialistisch/kommunistischen Zeit und in unterschiedlichen Umfang aufgehübscht, umgestaltet, umgebaut. Unser Hotel ist wohl ein Neubau aus dem Jahr 2004 anstelle einer Heilstätte, inzwischen aber auch schon wieder in die Jahre gekommen. Unser Zimmer und das Bad sind jedenfalls großzügig, das Haus scheint trotz der zwei Gebäude mit insgesamt beinahe 200 Wohneinheiten eher von der ruhigen Art zu sein. Die Pools sind ohne „Spaßfaktoren“, also keine Rutschen u.ä., es gibt zumindest zurzeit keine Animation, dafür Angebote von Massagen, Mineralbädern, Schlammpackungen. Unsere persönliche Premiere ist die Nutzung eines All-inklusiv-Angebots. Weder mein Mann noch ich waren jemals zuvor in unserem Leben „Armbändchen-Träger“. Da wir zur Mittagszeit im Bus saßen, haben wir das Abendessen vom Buffet genutzt. Das Buffet bot für uns beide etwas, was wir mochten. Und die Atmosphäre im Speisesaal war auch nicht unangenehm, keine Schlangen am kleinen Buffet, kein ständiges Hin- und Hergelaufe. Schauen wir mal, wie es weiter geht.
Da das Wetter erst einmal kühl und etwas unbeständig bleibt, werden wir wahrscheinlich wieder viel zu Fuß unterwegs sein. Varna hat gegebenenfalls sehr viel zu bieten und man kann gut mit dem Bus hineinfahren, die App für den ÖPNV haben wir uns jedenfalls schon heruntergeladen.
"Bescheidenheit ist die subtilste Form von Arroganz." Sprichwort
Vielen Dank für den tollen, ausführlichen Bericht!
Gestern bin ich zufällig auf 3Sat in einen Bericht über den Orient-Express geraten und zwar ausgerechnet den 3. Teil "von Bulgarien in die Türkei" (Edit: der Fokus liegt auf dem Zug, aber trotzdem gab es auch schöne Eindrücke von der Strecke). Mit dem Hintergrund Deiner Berichte war das doppelt interessant und die Doku war eine hervorragende Ergänzung. Es wurde einiges von Sofia und Plovdiv gezeigt. Sehr ausführlich wurde das römische "Amphitheater" in Plovdiv gezeigt. Ich wußte gar nicht, daß es dort eins gibt... Schön, daß es wieder für Veranstaltungen genutzt wird.
Gute Erholung in den letzten Tagen und ich freue mich schon auf den nächsten (Abschluß?-)Bericht!
Es wäre schon viel geholfen, wenn jeder einfach "nur" seine Arbeit machen würde, aber die wirklich großartigen Dinge auf dieser Welt geschehen nur, weil jemand mehr tut, als er muss.
Teil 8 und letzter Teil - Tag 23 bis 27 – Sv. Konstantin/Varna
Am zweiten Tag haben wir unseren Rundgang durch Sv. Konstantin fortgesetzt. Ich muss zugeben, dass er mich ziemlich deprimiert hat. Es ist der krasse Gegensatz zwischen zumindest auf den ersten Blick sehr luxuriös wirkenden, abgeschotteten Hotelanlagen und Apartmenthäusern direkt neben leerstehenden, verfallenen großen Hotel-, Restaurant- und Unterhaltungskomplexen mit eingeschlagenen Fensterscheiben und kaputten Fassaden, der es für mich schwierig macht und mich traurig stimmt. Dazwischen dann einige Mittelklasse-Hotels und kleinere Teile mit einem Hauch von Flair, aber zu wenig, um wirklich ein Wohlgefühl auszulösen.
Wie müssen sich (ältere) Bulgaren und Bulgarinnen fühlen, die vielleicht einmal davon träumten, in den ehemals gepflegten Sommerbädern Urlaub machen zu können und nun erleben, wie Teile der Orte einfach aufgegeben werden und andere für den größten Teil der Bevölkerung wieder abgeschottet werden. Mein Eindruck ist, dass für den ganzen Ort erst einmal ein neues Konzept entwickelt werden muss, in das die Bausubstanz nach und nach eingegliedert, teilweise auch rückgebaut wird, damit das Ganze wieder ein Gesicht erhält.
Ich gebe zu, dass wir nicht so recht wussten, was wir in Sv. Konstantin (tun) sollten. Spaziergänge zwischen den Gebäuden machten keinen Spaß, Parkanlagen sind klein und häufig vernachlässigt, eine längere Promenade, Wege entlang der Küste oder ins Hinterland gibt es nicht, die freien Strände sind aufgrund der verfallenen Infrastruktur unattraktiv, an den bewirtschafteten steht Liege an Liege und aus den Strandbars schallt überall Musik.
Einen Vormittag haben wir im botanischen Garten verbracht, einem großen, schönen Landschaftspark mit vielen Grill-Plätzen und einigen beschilderten Pflanzensammlungen. Hier können sich Urlauber gegen einen Eintritt von 4 Euro/Person Auslauf im Grünen verschaffen oder eben ein Picknick veranstalten. Eine interessante Entdeckung gab es dann noch bezüglich der Mineralwasserquellen. Es gibt ein großes, pompös wirkendes Thermalbad mit mehreren Becken und vielfältigen Angeboten zwischen Heilbehandlungen und Wellness. Ein Stück weiter findet man recht versteckt frei zugänglich am Strand ein kleines Fels-Becken, in das aus einem profanen dicken Rohr ca. 40°C warmes Mineralwasser eingeleitet wird. Im Becken sind, ebenfalls aus Stein, drei bis vier Liegemöglichkeiten eingerichtet. Daneben steht eine kleine Bretterbude, wo man seine Sachen ablegen kann. Simpler geht`s nimmer. Als wir vorbeikamen, nutzten drei Leute das Becken.
Unser Hotel hat einen recht nett angelegten Garten, leider fehlen bequeme Bänke oder Stühle. Wir haben uns dann schon mal Stühle von den Terrassen nicht vermieteter Zimmer im Erdgeschoss genommen, um dort zu sitzen. Am Pool konnte man sich auch mal aufhalten. Das Gute für uns war, dass wir im Garten ganz allein waren und am Pool auch nur wenige andere Gäste und Null-Action. Für die Außenpools und das Hallenbad wird übrigens auch das Mineralwasser aus den hiesigen Quellen genutzt. Und wir haben herausgefunden, dass unser Hotel an „historischer“ Zuerst einmal eine Beobachtung aus unserem Hotel.
Eine interessante Beobachtung betraf dann noch zwei Schulklassen, die für eine Nacht in unserem Hotel untergebracht waren, Alter der Schülerinnen und Schüler so zwischen 12 und 14 Jahren. Die Gruppen waren so diszipliniert, dass man sie kaum bemerkt hat. Es gab kein (nächtliches) Gerenne, Türengeklapper oder Rufen auf den Fluren und das Verhalten am Buffet und im Speiseraum war absolut vorbildlich. Ansonsten waren es aber „ganz normale“ Kinder/Jugendliche, wie man am sonstigen altersgemäßen Verhalten ablesen konnte.
Da wir uns mit Sv. Konstantin nicht anfreunden konnten, sind wir an drei Tagen mit dem Bus nach Varna reingefahren. Am ersten Tag wurden wir beim Warten an der Haltestelle zweimal von Taxifahrern angesprochen worden, die uns die Fahrt mit dem Bus ausreden wollten. Man bot uns die Taxifahrt für zunächst 10 Euro, als wir nicht darauf eingingen für 8 Euro an. Aber wir wollten ja bewusst den Bus nehmen. Wir merkten halt, dass wir in einem Touristenort waren, da wird auch auf die Bequemlichkeit und Unwissenheit der Fremden gesetzt. Aber ich verstehe natürlich, dass die Taxifahrer Geld verdienen möchten und müssen. Mit dem Bus waren wir dann in rd. 20 Minuten im Zentrum von Varna.
Das Lösen der Tickets über die App funktioniert einfach. Die einfache Fahrt kostet mit der App 0,51 Euro pro Person, das Tagesticket 2,05 Euro. Auf ein und derselben Linie verkehren aber Busse von zwei Betreibern. Bei einem gelten die preiswerteren e-Tickets, beim anderen kann man die Fahrkarten nur im Bus für 1,10€ pro Fahrt kaufen. Also ist der Ticketkauf erst dann angesagt, wenn man weiß, in welchem Bus man landet. Da es Fahrkartenkontrollen gibt, ist das Lösen eines Tickets auf jeden Fall angesagt.
In Varna bummelten wir durch verschiedene Stadtteile in Meernähe, besichtigten einige Kirchen. Besonders gut gefallen hat uns die Kirche der Heiligen Petka, die wir rein zufällig entdeckten. Sie hat eine wunderschöne Ikonastase und Ausmalungen und ist mit reichten Schnitzereien geschmückt. Auch der obligatorische Kronleuchter war dort aus Holz geschnitzt. Die Kirche wurde ab 1901 gebaut und 1907 geweiht, der Innenraum wurde aber erst 1973 nach altem Vorbild gestaltet. Dort sowie in der großen Kathedrale von Varna wurden auch Ikonen verkauft. Es gab die ganz preiswerten, gedruckten und handgemalte, für die allerdings hier heutige Farben, in diesem Fall Acrylfarben, genutzt wurden. Da mein Mann nicht ganz sicher war, ob unsere, wie wir finden, wunderschöne, schlichte und mit traditionellen Farben gemalte Ikone den Geschmack seiner Mutter wirklich trifft, hat er dann noch zwei kleinere handgemalte mit anderen Motiven gekauft. Ein Zertifikat mit dem Namen des Künstlers und der Bestätigung, dass sie ausgeführt werden dürfen, haben sie auch beide. Auf jeden Fall waren wir somit für die restlichen Tage und die Heimreise umfassend gegen alle Widrigkeiten geschützt.
Wir waren dann auch noch in einer großen Mall und haben im dortigen Supermarkt einige Mitbringsel für die Nachbarn und Wohnungshüter eingekauft. Es war etwas schwierig, etwas passendes zu finden, was nicht Souvenir, Souvenir schrie. Es wurde dann eine Rosenmarmelade und Schokolade mit Rosenwasser, jeweils doppelt gekauft, damit wir vorab kosten und entscheiden können, ob wir das mit gutem Gefühl verschenken können.
Kleine Beobachtungen am Rande waren einmal ein Training im Kunstschwimmen im sehr großen Sportbad von Varna. Und zum anderen eine etwas erschöpfte Braut (oder vielleicht auch Modell), die in voller Ausstattung mit Glitzer-Reifrock-Kleid, Schleier und Brautstrauß, aber schwarzen Badelatschen an den Füßen, mit einer Begleiterin (Stylistin?) und einem Fotografen am Strand unterwegs war. Überhaupt haben wir häufiger Fotoshootings junger Frauen in aufwendiger (Abend-)Garderobe vor besonderen Kulissen beobachtet. Keine Ahnung, wofür diese Fotos verwendet werden.
In Varna hat uns ganz besonders der riesengroße, vielfältig gestaltete Primorski-Park plus angrenzender Grünzug beeindruckt und gefallen. Bei jedem unserer Besuche in der Stadt waren wir dort längere Zeit unterwegs. Die ganze Grünanlage ist geschätzt fünf Kilometer lang, stellenweise auch recht breit und zieht sich am Schwarzen Meer entlang. Mehrere Strände und eine lange Strandpromenade mit Strandcafés sind in die Anlage eingebunden. Im Parkbereich gibt es Prachtalleen, ganz ruhige Ecken und Wege, alte Bäume und Blumenrabatten, einen Rosengarten, Kunstwerke, Museen, kleine Unterhaltungsparks mit Fahrgeschäften für Kinder (nichts wildes, sondern langsamere Bahnen und Karussels), Picknickwiesen, Museen und und und. Ein sehr angenehmer Ort. Am letzten Tag sind wir dann noch, außerhalb des Primorski-Parks, die über 300 Stufen zum Bulgarisch-Sowjetischen Ehrenmal hinaufgestiegen. Ein riesiges, martialisches Beton-Monument brutalistischer Art, von dem aus man aber einen guten Überblick über Varna, die Küste und bis ins Hinterland hatte.
An den drei Tagen haben wir jedes Mal in Varna zu Mittag gegessen, jedes Mal sehr gut und in angenehmer Atmosphäre und mit aufmerksamen Kellnerinnen und Kellnern, die uns auch mal davor bewahrten, zu große Portionen zu bestellen. Trotzdem brauchten wir teilweise kein Abendessen mehr. All-inclusive ist nichts für uns, da sind wir um eine Erfahrung reicher. Witzig war in Varna ein Hinweisschild auf ein Restaurant mit deutscher Küche, als erstes Beispielessen wurde Bruschetta genannt.Wiener Schnitzel und Currywurst folgten dann aber auch. Dort waren wir aber natürlich nicht essen.
In Varna haben wir uns sehr wohl gefühlt. In der Stadt ist auch nicht alles herausgeputzt und man sieht auch hier Gebäude und Straßen mit großem Renovierungsbedarf und Ruinen, aber die Stadt ist halt authentisch und lebendig, kein künstlich geschaffener Ort. Und obwohl es eine richtige. quirlige und verkehrsreiche Großstadt ist, findet man viele ruhige, angenehme Plätze. Wir haben etwas bedauert, dass wir nicht dort untergekommen sind.
Tag 28 – Heimreise
Morgens wurden wir vom Hotel abgeholt und zum Flughafen gebracht. Und wieder hat die Organisation super gut funktioniert.
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Fazit: Wir nehmen von unserer Reise sehr, sehr viele Eindrücke mit, da wird noch vieles länger nachwirken. Die Natur und Geschichte Bulgariens hat sehr viel zu bieten. Wir sind sehr, sehr vielen freundlichen, offenen und hilfsbereiten Menschen begegnet. Und wir wünschen dem Land den wirtschaftlichen Aufschwung, um die Defizite zu beheben. Dass doch vieles unübersehbar marode ist, liegt eindeutig nicht an Desinteresse oder Unvermögen, sondern am Mangel ökonomischer Ressourcen.
Die Organisation unserer Reise war einfach nur großartig. Da gab es nichts, aber auch rein gar nichts zu meckern (= höchstes Lob einer Berlinerin).
"Bescheidenheit ist die subtilste Form von Arroganz." Sprichwort
Vielen Dank für Deine tolle Beschreibung der Eindrücke! Ich kriege sofort Lust, wieder einmal nach Bulgarien zu fahren.... Den Primorski-Park in Varna hab ich auch mal durchstreift und die heißen Quellen, die sich so unattraktiv präsentieren, aber in ihrer Schlichtheit eben wirklich Gebrauchswert haben, fand ich schon vor 20 Jahren so herrlich "ostig".
Wie hat Euch Tarator geschmeckt? Diese kalte Gurkensuppe mit Joghurt und manchmal fein geriebenen Walnüssen drauf?
Vielen Dank für eure freundlichen Rückmeldungen. Ich freue mich, dass ich meine Eindrücke und Begeisterung festhalten und teilen konnte.
Tarator habe ich in Bulgarien gar nicht gegessen, die Suppe gehört allerdings seit Jahrzehnten zu meiner Rezeptesammlung für heiße Sommertage. Ich mag sie sehr gern. Sneschanka (Schneewittchensalat) habe ich aber gegessen, ist im Prinzip dieselbe Basis, aber eben fester und nicht suppig.
"Bescheidenheit ist die subtilste Form von Arroganz." Sprichwort