Mein Verhältnis zu meiner Mutter ist bis heute etwas schwierig. Es ist überhaupt nicht, dass ich sie nicht gernhabe, aber sie macht heute noch ihre persönlichen Empfindungen und vor allem Ängste zum Maß völlig unreflektiert zum Maß aller Dinge und das macht mich wahnsinnig.
Ähnlich wie Agathe es beschreibt, kriege ich bei bestimmten Verhaltensweisen sofort eine innere Sperre, etwa bei Double-Bind-Botschaften oder bei "bedürftigem" Verhalten, und ich finde es schwierig, meiner Mutter gegenüber fürsorgliche Gefühle zu entwickeln, obwohl ich sicher kein unempathischer Mensch bin. Vielleicht habe ich mein Fürsorgepulver bei ihr schon als Kind verschossen, als ich plötzlich mit 6-7 Jahren gefühlt die zweite Erwachsene im Haushalt war. Eigene Gefühle und Bedürfnisse habe ich da, oft auch unbewusst, zurückgesteckt.
Darin erkenne ich mich sehr gut wieder, Marie-Madeleine. Meine Mutter geht komplett in ihren Ängsten auf, das ist im Alter noch schlimmer geworden und rückt mich von ihr immer weiter ab - obwohl es in unserer Familie eigentlich nur uns gibt. Und das Entdecken eigener Gefühle und Bedürfnisse setzte bei mir erst im Erwachsenenalter ein. Heute knabbere ich noch daran, diese für "wahr" zu halten.
@Pasdedeux Das Vertrauen in die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse (oder auch die Zweifel daran) sind ein typisches Schattenkind-Thema. Die eigene Familie und die Erfahrungen damit sind für Kinder der Ausgangspunkt und der Normalzustand. Erfahrungen mit dem "Außen" kommen ja erst später.
Meiner Erfahrung nach haben dysfunktionale Familien häufig ein Problem mit den Außenkontakten - egal ob es um die erweiterte Familie, Arbeitskollegen, Nachbarn etc. geht: es ist wenig und oft schwierig. Ebenso beim Freundeskreis. Damit haben Kinder und Jugendliche aus solchen Familien eher spät die Möglichkeit zu erleben, dass Sozialkontakte, Beziehungen und Familienleben auch anders aussehen können: liebevoll, respektvoll, zugewandt, jeder ist willkommen, wird gesehen und gehört.
Wenn man solche Erfahrungen erst später im Leben macht, ist es gar nicht einfach, die Programmierung der eigenen "Festplatte" zu verändern.
Zitat von Pasdedeux im Beitrag #77Meine Mutter geht komplett in ihren Ängsten auf, das ist im Alter noch schlimmer geworden und rückt mich von ihr immer weiter ab
So ähnlich geht es mir auch. Bei uns gibt's allerdings auch noch meine Schwester, die weniger angepasst ist als ich und meiner Mutter schon auch mal den Kopf zurechtsetzt, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Zitat von Mrs_Quinn im Beitrag #78Damit haben Kinder und Jugendliche aus solchen Familien eher spät die Möglichkeit zu erleben, dass Sozialkontakte, Beziehungen und Familienleben auch anders aussehen können: liebevoll, respektvoll, zugewandt, jeder ist willkommen, wird gesehen und gehört.
Ganz so heftig habe ich das nicht erlebt, wir hatten ein großes und gut funktionierendes soziales Netz, das uns in schwierigen Zeiten ganz toll aufgefangen hat. Aber was bei uns in der Familie wenig vorkam, war Diversität. Wer so war wie wir, war willkommen, mit allem, was irgendwie "anders" war, tat man sich schwer und es blieb maximal bei oberflächlichen Kontakten. Ich habe erst im jungen Erwachsenenalter wirklich gelernt, dass anders sein nichts an sich Schlechtes oder Unerstrebenswertes ist. Bei meiner Mutter war "der Herde nicht nachzugehen" eine ganz schlechte Charaktereigenschaft. Ich hingegen dachte mir schon als Kind, ich bin doch kein Schaf ...
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Das Nicht-Gesehen-werden habe ich auch so empfunden. Und die Forderungen, nicht auch noch Schwierigkeiten zu machen, die auch sehr deutlich ausgesprochen wurden von meiner Mutter. Dass aber ein junger Mensch gerade in der Pubertät sich nicht immer konform verhalten kann, das war ihr völlig entgangen.
Sie ist bis heute das Maß aller Dinge. Alles was ihr zustößt oder was sie erlebt, ist der Mittelpunkt der Erde. Sie hat wirklich Schwierigkeiten, sich in andere hinein zu versetzen. Dazu kommt, dass alles, was meinen Bruder angeht, auch sie triggert. Sie ist mein Bruder und mein Bruder ist sie, ich kann es nicht anders ausdrücken.
Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu einem Onkel und einer Tante von mir, sie sind in meiner Kindheit und Jugend meine Bezugspersonen gewesen und sind es bis heute geblieben. Das ärgerte meine Mutter schon immer, obwohl sie mir ja die Aufmerksamkeit nicht zukommen lassen wollte oder konnte.
Jedenfalls lade ich diese Verwandten immer zu meinem Geburtstag ein, sie mich zu ihrem ebenfalls, wir sehen uns auch sonst oft und helfen uns gegenseitig.
Einmal hatte meine Tante einen runden Geburtstag, sie lud meine Eltern (Schwager und Schwägerin) und mich zu der Feier ein. Die Tochter meiner Tante, also meine Cousine, fragte meine Mutter ganz höflich, wie es denn meinem Bruder ginge. Da meinte meine Mutter ganz spitz: "Wenn deine Mutter ihn eingeladen hätte, dann könntest du ihn jetzt selbst fragen."
Das zeigt das etwas verschrobene Weltbild meiner Mutter. Mein Bruder hat praktisch kein Verhältinis zu der Tante, er hat sie noch nie zu einer Feier eingeladen. Was hätte sie also für einen Grund dafür haben sollen, ihn zu ihrem Geburtstag einzuladen?
Für meine Mutter geht das gar nicht. Auch wenn mein Sohn uns einlädt, es aber in kleinerem Kreis macht, ohne meinen Bruder einzuladen, ist sie persönlich beleidigt. Es ist unglaublich und nervt sehr.
@Analuisa: sorry, ich habe ein paar Tage nicht in diesem Strang gelesen. Was ich mit "das System stabilisieren" meine, wenn es um Sucht- und psychische Krankheiten geht, ist die Frage, ob es wirklich hilft, wenn sich die Familie irgendwo drumrum drapiert, damit die kranke Person ihren Stiefel einfach weitermachen kann und man so auch verhindert, dass die an einen Punkt kommt, wo sie mal selbst bemerkt, dass es so nicht weitergeht.
Ich habe das im Freundeskreis beim Alkoholismus eines Elternteils einer Freundin gesehen - sie selbst war glücklicherweise lange aus dem Haus, aber ihr Vater hat sich bei ihr immer über seine Frau ausgejammert, die seit Jahrzehnten alkoholsüchtig ist. Immer übertüncht, Marke, Schnapsbuddel irgendwo versteckt. Aber halt auch mit unangenehmen Persönlichkeitsveränderungen. Der Vater hat es nicht geschafft, seiner Frau mal vor die Alternative zu stellen, dass sie sich behandeln lässt, oder er die Beziehung beendet. Und weil er das nicht getan hat, war die Tochter sehr häufig an der Reihe, den Vater wieder aufzubauen, weil, er war so arm dran, aber am Gesamtzustand wollte er nichts ändern. Natürlich hat die Tochter ihre Mutter bei den diversen Familienevents auch nicht konfrontiert, war schließlich Angelegenheit des Vaters, aber Spaß macht es auch nicht, sich das anzugucken. Ich hatte aus der Ferne immer den Eindruck, die ganze Familie läuft auf Zehenspitzen um die Mutter herum, dass die bloß keinen Wut- oder sonstigen Ausbruch bekommt.
Das meine ich: hilft man so einem Menschen, oder hilft man nur, ein absolut schiefes System im Gleichgewicht zu halten, bei dem die kranke Person denkt, geht doch?
Das nennt man in der Sucht Co-Abhängigkeit. Der andere, nicht abhängige Partner, stützt das System, hält es irgendwie aufrecht. Er entschuldigt die süchtige Person, versucht alles im Gleichgewicht zu halten. Er leidet sehr, kann oder will aber nichts an dem Zustand ändern. Nein, man hilft der kranken oder süchtigen Person damit nicht. Ich weiß das, weil ich unter anderem auch in einer Suchteinrichtung therapeutisch arbeite. Manchmal hilft nichts anderes, als der Person vor Augen zu führen, wie krankt/süchtig sie ist, natürlich nur, wenn sie selbst etwas daran ändern kann.
Ein Bekannter von mir hat 30 Jahre mit einer depressiven Frau zusammen gelebt, alles drehte sich um ihre Krankheit. Sie wollte sich aber nie wirklich behandeln lassen. Nach 30 Jahren hat er sich getrennt, erst dann wurde der Frau klar, dass sie etwas tun musste. Bei Sucht ist das noch extremer. Da kann einem ja auf jeden Fall geholfen werden, durch Entzug, Therapie, Selbsthilfegruppen.
Solange aber jemand da ist, der sozusagen die Drecksarbeit für einem erledigt, muss man selbst ja nichts ändern. Aber das wäre sicherlich Thema für einen eigenen Strang.
Aber das in den Familien der Schattenkinder doch oft ähnlich, oder nicht? Alles dreht sich um das eine Kind, und zwar egal, ob die Bemühungen jetzt allesamt tatsächlich so erfolgreich sind und dringend genau so sein müssen. Hat manchmal vielleicht auch etwas Suchtartiges? Die Beschreibungen Deiner Mutter scheinen mir irgendwie in die Richtung zu gehen - und ich frage mich, ob es Dir gut tut, da so nahe dran zu sein. (Aus der Außenperspektive würde ich da sagen: verdient hat sie's eigentlich nicht, dass Du Dich so kümmerst, das ist angesichts der beschriebenen Vorgeschichte sehr großherzig von Dir.)
Zitat von Jorinde im Beitrag #57Standardspruch meiner Mutter: ich wünschte, ich hätte mehr Kinder, nicht nur dich. Dann würde nicht so auffallen, wie furchtbar du bist
Uaaah - wie ätzend! Das hat sie wirklich gesagt? Mehrfach?
Das glaube ich ohne weiteres! Der Standardausdruck meiner Mutter mir gegenüber war gefühlt hunderttausendmal: "Die ist ein Nagel zu meinem Sarg."
Mit den Jahren verdichtet sich mein Verdacht, dass der Homo Sapiens eine Schnapsidee der Schöpfung war.
Sie werden halt oft gedankenlos dahingesagt. Was sie in Kindern kaputtmachen können, darüber machen sich die Eltern leider zu wenig bis keine Gedanken.
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Zitat von Marie-Madeleine im Beitrag #85Sprüche der Sorte "du bringst mich noch ins Grab" kenne ich auch.
Heute weiß ich, dass das aus Überforderung gesagt wurde, aber beschissen angefühlt hat es sich trotzdem.
Ja, das weiß ich auch. Meine Mutter war übrigens auch von ihrer Mutter massiv abgelehnt worden, war verheiratet mit dem falschen Mann und durch den Krieg traumatisiert. Miese Voraussetzungen, um im Krieg und der armseligen Nachkriegszeit Kinder zu bekommen. Aber die bekam frau damals, ob sie sie wollte oder nicht. Selbst ich wurde ungewollt schwanger und landete zu Zeiten, in denen Abbrucb strafbar war, in einer sogenannten "Mussehe", die dann auch schief ging. Trotzdem war ich mir der Verantwortung für das psychische Wohlergehen meiner Kinder sehr bewusst und das, obwohl ich unglücklich in dieser Situation war und Schwierigkeiten hatte, zu meinem ersten Kind eine liebevolle Beziehung aufzubauen. Das wurde dann zum Glück immer besser, und ich wurde eine richtige Jungsmutter. Wie es mit einer Tochter - ich wollte immer eine - gegangen wäre, weiß ich nicht. Den Vater konnte ich ebenso vergessen wie ich meinen Vater vergessen konnte ...
Mit den Jahren verdichtet sich mein Verdacht, dass der Homo Sapiens eine Schnapsidee der Schöpfung war.
Zitat von Marie-Madeleine im Beitrag #87Was man unbedacht in Kinderseelen anrichten kann, war für mich tatsächlich mit ein Grund, keine eigenen Kinder zu wollen.
In the future, there is a small, quiet room that is just yours, where you are safe and you are free. In that room your shoulders will finally start to come down from around your ears. Nobody can come into that room unless you let them. In that clean quiet place, you will work and you will study. You will love and you will heal. I know this is true because I am there with you. We are there together because you saved us. You saved us because you were brave and because you never stopped believing in that room. See you there, Your Future Self
Zitat von Marie-Madeleine im Beitrag #87Was man unbedacht in Kinderseelen anrichten kann, war für mich tatsächlich mit ein Grund, keine eigenen Kinder zu wollen.
Ich gebe zu, dass ich nicht weiß - woher auch - ob ich Kinder gewollt oder bekommen hätte, wäre mir diese Schwangerschaft mit 19 Jahren nicht passiert.
Mit den Jahren verdichtet sich mein Verdacht, dass der Homo Sapiens eine Schnapsidee der Schöpfung war.
Zitat von Jorinde im Beitrag #81@Analuisa: sorry, ich habe ein paar Tage nicht in diesem Strang gelesen.
Macht überhaupt nichts, danke für deine Antwort! 🌷
ZitatWas ich mit "das System stabilisieren" meine, wenn es um Sucht- und psychische Krankheiten geht, ist die Frage, ob es wirklich hilft, wenn sich die Familie irgendwo drumrum drapiert, damit die kranke Person ihren Stiefel einfach weitermachen kann und man so auch verhindert, dass die an einen Punkt kommt, wo sie mal selbst bemerkt, dass es so nicht weitergeht.
Meine Frage dazu: Was wäre denn die Alternative?
Mir ist der Begriff Co-Abhängigkeit durchaus geläufig (auch an dich, @Fels), aber ich zögere noch, ob der in unserem Fall der passende ist. Ich habe meinen Bruder durchaus konfrontiert, es ist nur völlig müßig. Er meidet dann einfach für einige Wochen/ Monate den Kontakt.
Aber du hast natürlich recht, Fels, das geht vom eigentlichen Thema weg. Meine Verbindung zum Thema war ja der Punkt des Nicht-Gesehen-werdens von Seiten (vor allem) meiner Mutter. Die Erwartungshaltung, die Eltern nicht zu enttäuschen, Leistung zu bringen, ihnen Enkelkinder zu präsentieren, den "Totalausfall" seitens des Bruders zu kompensieren, die in meinem Fall nie verbalisiert wurde - im Gegensatz zu einigen von euch -, die ich aber trotzdem verinnerlicht hatte.
Ich greife mal diesen Satz von dir heraus, Fels:
Zitat von Fels im Beitrag #18Ich weiß, es ist albern, aber manchmal denke ich, irgendwie hatte es mein jüngerer Bruder, trotz Behinderung, leichter als wir anderen, er war einfach er, er wude geliebt ohne Bedingungen und das ist bis heute so geblieben.
Du schreibst weiter vorne:
Zitat von Fels im Beitrag #14Ich glaube nicht, dass meine Mutter etwas kompensieren wollte mit ihrem Verhalten.
- ich weiß nicht genau, wie das gemeint ist, aber ich denke schon, dass sie etwas kompensieren wollte. Nämlich die vermeintliche bzw. auch (durch die Behinderung) reale Benachteiligung deines Bruders. Sie hat klassisches Löwinnenmutterverhalten gezeigt: das (in ihren Augen oder auch real) schwächste Kind unterstützt. Du schreibst ja selbst, dass das in der Zeit unmittelbar nach dem Unfall auch gerechtfertigt war. Ihre Wahrnehmung war vermutlich diese: Mein Mann, meine anderen Kinder haben ja alle ihre Beschäftigung, ihre Ablenkung, aber ich bin hier ganz allein mit dem Kleinen und muss ihn beschützen, bemuttern, fördern - keiner sieht, was ich alles tu (das ist jetzt nur meine Fantasie dazu! sorry falls nicht zutreffend). Dass du und dein anderer Bruder mit der Situation völlig überfordert wart, sehe ich natürlich, aber kannst du ein Stück weit auch ihre Situation sehen?
Und dann hat sich da etwas verselbständigt. Es liest sich so für mich, als habe deine Mutter in der Betüddelung des jüngsten Kindes ihre Lebensaufgabe gefunden und da nie den Absprung geschafft, nachdem sich das Muster einmal so etabliert hatte.
Löwinnenmutterverhalten ist eben nicht immer das, was den Kindern (auch den erwachsenen) guttut, es stabilisiert, gerade wenn gesundheitliche oder psychische/ psychiatrische Probleme vorliegen, deren Unselbständigkeit. Das war bei uns auch so. Meiner Mutter hat dem Bruder den A... hinterhergetragen und was hat es genützt? Nichts.
Hilft es dir, sie als Gefangene ihrer selbst gestellten Lebensaufgabe zu sehen? Denn das war ja auch sicher nicht das Leben, dass sie sich so für sich gewünscht hätte.
Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche. D. Bonhoeffer
************************************ Moderatorin in der Pandemie und Politik, bei der Nachhaltigkeit, beim Sozialen Engagement und den Festen, bei Klatsch & Tratsch, im Persönlichkeits-, Erziehungs-, Baby-, Familien- und Trauerforum, im Glücklicher leben, bei den Angehörigen, in der allg. Gesundheit, der Kindergesundheit und bei den Krebserkrankungen, in den Krisenbeziehungen, bei den Hobbies, der Photographie und bei den besonderen Ernährungsformen.
Das trifft es schon ziemlich genau, Annaluisa. Da hat sich tatsächlich etwas verselbständigt, sie ist aus der Löwenmutterrolle nie mehr heraus gekommen. Mein Bruder ist ja keinesfalls sehr stark behindert, er geht arbeiten (inzwischen etwas reduziert), er fährt Auto usw. Es gibt Bereiche, da benötigt er etwas Hilfe, aber das was sie macht, ist weit drüber. Dass sie ihm damit eigentlich schadet, sieht sie halt nicht. Natürlich kann ich sie irgendwie verstehen. Ihr liebstes Kind (und das war er halt von Anfang an), ist bedürftig, krank, behindert, sie reagiert und gibt ihm maximale Aufmerksamkeit. Leider ist mein Bruder extrem unselbständig, viel mehr als er durch seine Behinderung sein müsste.
Es gab da auch eine Szene, die das verdeutlicht (im Nachhinein lachen wir heute darüber, erst fand ich das aber gar nicht lustig). Mein Bruder ist natürlich immer überall mit eingeladen, wenn wir was feiern, er kommt auch zu Weihnachten, zu Silvester usw. zu uns. Wir richten das reihum aus. Nur er macht das nie. Vor 3 Jahren zog er in eine größere Wohnung und wir sagten, halb im Spaß, halb im Ernst: Siehst du, jetzt können wir an Heiligabend auch mal zu dir kommen, du hast ja jetzt Platz.
Tatsächlich kündigte er im November groß an, der Heiligabend würde dieses Jahr bei ihm stattfinden. Jetzt hat er halt einen Single-Haushalt, wir kamen einen Tag vorher, brachten Stühle, noch einen Klapptisch, Tischdecken und Geschirr. Da er keinerlei Weihnachtdeko hatte, brachte ich welche mit, dekorierte seine Wohnung und hängte Kugeln von mir an seinen Weihnachtsbaum, den mein Vater besorgt hatte.
An Heiligabend war er dann total überfordert, er wisse nicht, wann der bestellte Braten in die Röhre müsse, er hätte keine Soße dazu und Beilagen bräuchte man ja auch noch. Mein anderer Bruder eilte herbei, schob den Braten rechtzeitig in den Ofen, machte Spätzle und ich kreierte noch eine Soße zum Braten.
Meine Tochter und meine Schwiegertochter brachten Salat mit, meine Mutter den Nachtisch. Es war recht nett, aber irgendwie waren wir alle eingespannt und mussten ja alles zu ihm bringen, da wäre es tatsächlich einfacher gewesen, es hätte wieder einer von uns es bei sich daheim ausgerichtet.
Als wir dann so kurz vor Mitternacht zum Aufbruch bliesen, meinte er: Ja, was ist denn jetzt mit dem Zeug? Ich: Welches Zeug? Er: Ja, die Deko und die Kugeln, die kannst du gleich wieder mitnehmen, die brauche ich ja jetzt nicht mehr. Also räumte ich in der Nacht noch meine Deko wieder zusammen und nahm sie mit.
Nach ein paar Tagen meinte mein Bruder: war ja toll, dass ich den Heiligabend jetzt auch mal bei mir gemacht habe. Hättet ihr nicht gedacht, oder?
Zitat von Fels im Beitrag #92Nach ein paar Tagen meinte mein Bruder: war ja toll, dass ich den Heiligabend jetzt auch mal bei mir gemacht habe. Hättet ihr nicht gedacht, oder?
Merkt er, was er da sagt, oder bringt er das ganz ernstgemeint und treuherzig? Wie sieht er sich selbst?
In the future, there is a small, quiet room that is just yours, where you are safe and you are free. In that room your shoulders will finally start to come down from around your ears. Nobody can come into that room unless you let them. In that clean quiet place, you will work and you will study. You will love and you will heal. I know this is true because I am there with you. We are there together because you saved us. You saved us because you were brave and because you never stopped believing in that room. See you there, Your Future Self
Aber Fels, warum machst Du diesen Zinnober denn mit? In der Situation, wo Dir Dein Bruder am späten Heiligabend sagt, Du sollst Dein "Zeug" mitnehmen - dem hätte ich sowas von einem Einlauf verpasst, der faulen Socke. Echt!
Zitat von Jorinde im Beitrag #94Aber Fels, warum machst Du diesen Zinnober denn mit? In der Situation, wo Dir Dein Bruder am späten Heiligabend sagt, Du sollst Dein "Zeug" mitnehmen - dem hätte ich sowas von einem Einlauf verpasst, der faulen Socke. Echt!
Ich bin nicht Fels, aber vielleicht möchte sie einfach Normalität in die verfahrende Familiensituation und damit so etwas wie Heilung bringen? Weil die Hoffnung nie aufhört? Kann das sein, Fels?
Mit den Jahren verdichtet sich mein Verdacht, dass der Homo Sapiens eine Schnapsidee der Schöpfung war.
Zitat von Wendy im Beitrag #95Ich bin nicht Fels, aber vielleicht möchte sie einfach Normalität in die verfahrende Familiensituation und damit so etwas wie Heilung bringen? Weil die Hoffnung nie aufhört?
Kenne ich - ein fruchtloses Unterfangen, jedenfalls in meinem Fall.
In the future, there is a small, quiet room that is just yours, where you are safe and you are free. In that room your shoulders will finally start to come down from around your ears. Nobody can come into that room unless you let them. In that clean quiet place, you will work and you will study. You will love and you will heal. I know this is true because I am there with you. We are there together because you saved us. You saved us because you were brave and because you never stopped believing in that room. See you there, Your Future Self
Oder einfach die Abwägung, was man weniger aufreibend/ätzend findet: eine unerfreuliche und gleichzeitig nutzlose Auseinandersetzung zu einem Dauerthema oder eine zu dem Zeitpunkt nervige, aber letztlich "endliche" Arbeit.
Aber die Frage ist doch, ob das wirklich alles so sein muss und ob die Schattenkinder sich etwas Gutes damit tun, auch nach Jahrzehnten ihre Rolle um eines Familienfriedens willen, der wesentlich auf ihre Kosten geht, brav weiterzuspielen, statt sich da so weit wie möglich rauszuziehen. Ich sehe solche Situationen in meiner Umgebung, die mich so richtig sauer machen, wenn die, die einfach nur die Netten in der Familie sind, von den anderen immer noch eine obendrauf kriegen, so wie Fels hier.
Zitat von Jorinde im Beitrag #98Aber die Frage ist doch, ob das wirklich alles so sein muss und ob die Schattenkinder sich etwas Gutes damit tun, auch nach Jahrzehnten ihre Rolle um eines Familienfriedens willen, der wesentlich auf ihre Kosten geht, brav weiterzuspielen, statt sich da so weit wie möglich rauszuziehen. Ich sehe solche Situationen in meiner Umgebung, die mich so richtig sauer machen, wenn die, die einfach nur die Netten in der Familie sind, von den anderen immer noch eine obendrauf kriegen, so wie Fels hier.
Die Frage ist halt: könnte der Bruder anders? Wie sieht er selbst sich und wie beurteilt er die Lage? Da ich nicht weiß, was für eine Behinderung er hat, lässt sich das schwer sagen. Meiner kann, glaub ich, nicht viel anders. So bleibt nur die WAhl, sich dem entziehen oder es hinnehmen.
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Egal, was er körperlich kann oder nicht - geistig behindert scheint er ja nicht zu sein. Und seiner Schwester um Mitternacht zu sagen, sie solle die sehr freundlich mitgebrachte Wehnachtsdeko, die er noch als "Zeug" bezeichnet, mitnehmen (wobei er sich als Ausrichter der Weihnachtsfeier offensichtlich nicht zur Beschaffung zuständig fühlte), ist einfach nur unverschämt. Finde ich jetzt. So einer käme mir nicht mehr über die Türschwelle und die so einen Charakter noch vergötternde Mutter könnte auch gleich mit weg bleiben. Also, meine Meinung, die man ja nicht teilen muss.