Ich habe es verinnerlicht, dass im Beruf Politik und Religion Tabu-Themen sind. Mein Chef leider nicht. Er ist Typ Alphatier, redet viel und lange, hört selten zu. Da er auch diverse gute Seiten als Chef hat, habe ich gelernt meine Ohren hier und da auf Durchzug zu stellen. Letzte Woche fühlte er sich jedoch bemüßigt mir zu erklären, warum heutzutage "ganz normale Leute AfD wählen". Das ganze vermischt mit einer Reihe Kritikpunkten, die ich nachvollziehen kann, aber auch sehr viel Stammtischansichten, die jeder näheren Betrachtung nicht standhalten. Dazu kam noch "das Dritte Reich muss man jetzt aber wirklich mal vergessen" und ähnliche Äußerungen, die mir ganz gehörig gegen den Strich gehen und die ich nicht unwidersprochen lassen kann. Er ist bekennender CDU-Anhänger.
Ich habe ein paarmal versucht ihn in seinem Redefluss zu unterbrechen und gegenzuhalten, aber er hat das gar nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Er hat weiter und weiter und weiter schwadroniert. Bis er irgendwann selbst meinte "aber, das gehört nicht hierher", ich ihm zustimmte und ziemlich abrupt ging. Das Ganze hat mindestens eine Viertelstunde gedauert, also nicht nur ein oder zwei dahingeworfene Sätze.
Ich habe mich massiv über zwei Dinge geärgert:
dass er so ein Thema überhaupt anbringt dass ich es nicht geschafft habe ihn wirkungsvoll zu stoppen
Habt Ihr so etwas auch schon erlebt und wie geht ihr damit um? Ich möchte hier bitte ausdrücklich KEINE inhaltliche Diskussion zu den geäußerten Ansichten, es geht mir um den Umgang damit und was sich im beruflichen Kontext gehört und was ein Tabu-Thema in euren Augen ist.
ihn unterbrechen und fragen ob er noch irgendeine frage oder etwas zu deinem job zu sagen hat
ganz unhoeflich waere sich umzudrehen und zu gehen oder ganz einfach mal auf die toilette zu muessen ne viertelstunde haette ich mir das sicher nicht angehoert…
alone we can do soo little together we can do so much
Unterbrechen habe ich erfolglos versucht, das hat ihn nicht einmal kurz gebremst. Umdrehen und gehen hatte ich tatsächlich überlegt, aber das wäre schon mega-unhöflich. Toilette wäre eine gute Idee gewesen.
Ich finde das verhalten des chefs unprofessionell. War das während der arbeitszeit, am arbeitsplatz? Dann hätte ich erst mal versucht, darauf hinzuweisen, dass ich meine zeit für anderes brauche.
Wenn es jemand wäre, der mich gut kennt, käme es auf die situation an. Im büro z.b. könnte ich mir vorstellen, dass ich seinen papierkorb nehme, ihm hinhalte und darum bitte, sich doch im nächsten park draufzustellen und dort seine meinung zu äussern. Da hätte er vermutlich ein entgegenkommenderes publikum.
Bei einem nicht so nahestehenden chef hätte ich nach dem vortrag nur gesagt, dass ich seine offenheit zu schätzen wisse. Er habe mir damit ermöglicht zu erkennen, dass ich ihn für doch nicht für so sympathisch halten könne.
Zitat von Islabonita im Beitrag #1 ... und ähnliche Äußerungen, die mir ganz gehörig gegen den Strich gehen und die ich nicht unwidersprochen lassen kann.
Womit Du Dich aber aktiv auf die Diskussion eingelassen hast, wenn auch vermutlich nur in Teilbereichen, was ihn wiederum zur Weiterdiskussion angeregt hat.
Könntest Du Dir vorstellen, einfach nur zu sagen, dass Du einfach nicht über Politik sprechen möchtest? Und unbeirrt daran festhalten?
Das wäre weder unhöflich noch wäre es ihm persönlich gegenüber ein Affront.
"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Notfalls, wenn er sich nicht unterbrechen läßt, davor ein lautes STOP.
Und dann Abmarsch, bevor er checkt, dass du ihn gerade als etwas weniger intelligent bezeichnet hast.
Vorsicht mit dem Heiligenschein! Er könnte über die Augen rutschen.
Zitat von daggy5gram im Beitrag #5Wenn es jemand wäre, der mich gut kennt, käme es auf die situation an. Im büro z.b. könnte ich mir vorstellen, dass ich seinen papierkorb nehme, ihm hinhalte und darum bitte, sich doch im nächsten park draufzustellen und dort seine meinung zu äussern. Da hätte er vermutlich ein entgegenkommenderes publikum.
Zitat von N8eule im Beitrag #7"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Notfalls, wenn er sich nicht unterbrechen läßt, davor ein lautes STOP.
Zitat von N8eule im Beitrag #7"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Superklasse, besonders für das Betriebsklima.
Geht sicher auch eine Nummer kleiner, meinst Du nicht?
Das kann man auch sagen, ohne das Gegenüber als dumm zu bezeichnen. Denn mit einem hat er ja Recht: Es SIND immer mehr "ganz normale Leute", die zurzeit schwer nach rechts abdriften. Von daher: Entweder obigen Satz (ohne Beleidigung), oder nur ah, hm, soso machen. Dann versickert sowas in der Regel von selbst.
Zitat von N8eule im Beitrag #7"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Das ist meines Erachtens nach historisch so nicht haltbar.
fettundlila ...irgendwann ist irgenwie ein andres Wort für nie... energy flows, where attention goes. .ʇɐq pǝʞooɔɹǝpun uɐ ǝʇɐ ɹǝʌǝu ʽpๅɹoʍ ǝɥʇ ǝᵷuɐɥɔ ʇ,uɐɔ uosɹǝd ǝuo pᴉɐs ɹǝʌǝoɥM
Zitat von N8eule im Beitrag #7"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Notfalls, wenn er sich nicht unterbrechen läßt, davor ein lautes STOP.
Und, haste schon mal so gemacht?
Da ich seit vielen Jahren meine eigene Chefin bin, nicht mit AfD-Bezug.
Allerdings hab ich vor vielen Jahren (vor dem 2. Bildungsweg) meinem Chef - als in den 80ern Stürme wie Lothar waren, und seine Frau anrief, aufm Dach seines Hauses würde Abdeckung schief hängen, worauf er sich das Telefonbuch schnappte, und ne Runde Dachdecker anrieb, bei der er feststellte, dass grad kein Dachdecker zu haben ist, worauf er in Erwägung zog, sich selbst aufs Dach zu steigen - den Spruch untergejubelt "super, dann ist ja morgen wieder schön Wetter", den er allerdings erst ne halbe Stunde später geblickt hat.
Vorsicht mit dem Heiligenschein! Er könnte über die Augen rutschen.
Die Vermeidung Themen wie Politik und Religion im Job halte auch ich für eine Goldene Regel. Im öffentlichen Dienst ist das sogar Pflicht.
Zitat von Islabonita im Beitrag #1Ich habe es verinnerlicht, dass im Beruf Politik und Religion Tabu-Themen sind. Mein Chef leider nicht. ...
Der Umgang mit Chefs, die diese Goldene Regel missachten, hängt von vielen Faktoren ab. ZB. davon, wie Chef der Chef ist. Denn je nach Häufigkeit, Ausmaß und Inhalten kann solches Fehlverhalten als Störung des Betriebsfriedens gewertet werden. So etwas ist abmahnungsfähig, im Extremfall kann es Kündigungsgrund sein. Aber natürlich nur, wenn der Chef wiederum Chefs hat, die sich an derlei stoßen und davon Kenntnis bekommen. Als Hinweis darauf sollte es mit einem sehr ernstaften, gut vernehmbaren "Herr XYZ, derlei gehört nicht an den Arbeitsplatz. Ich verbitte mir das daher." getan sein. (Der Mann räumte ja selbst ein, dass es so ist.)
Es kommt auch drauf an, wie gefestigt die eigene Position im Betrieb ist, und wie belastbar das Verhältnis zu besagtem Chef. Je nach dem ist alles Mögliche denkbar. Von "Falls Du nur mal Dampf ablassen und schlauplaudern willst, geh' weiter, ich bin nicht interessiert." über "Wenn Du Dich mit mir darüber unterhalten möchtest, können wir das machen - nach Feierabend. Das setzt allerdings voraus, dass Du auch zuhören magst (ggf. und die Drinks bezahlst)." bis einfach nur sehr beredet schweigen und das Ganze an sich abperlen zu lassen.
Zitat... Ich habe mich massiv über zwei Dinge geärgert: dass er so ein Thema überhaupt anbringt ...
An Ersterem hast Du nun wirklich keinerleie Anteile, warum also darüber ärgern? (Vielleicht, weil er geglaubt haben könnte, dass Du ihm begeistert zustimmst, Dich also sehr falsch eingeschätzt hat? Nimm es als Kompliment für Deine Professionalität und als Hinweis darauf, dass Dein Chef maximal Chef-Mittelmaß ist. Die meisten Chefs können ihre MitarbeiterInnen über's Fachliche hinaus nicht ansatzweise richtig einschätzen - ich vermute, weil sie sich nicht wirklich für sie interessieren.)
Zitat... dass ich es nicht geschafft habe ihn wirkungsvoll zu stoppen ...
Da verlangst Du m.E. auch zuviel von Dir - im Job gelten andere Regeln und Machtverhältnisse als im Zivilleben. Du kannst/sollst/wirst den Mann weder ändern noch von irgendwas überzeugen.
Ich halte sowohl das kommentarlose Verlassen so einer Situation oder den Umweg über "Ich muss gerade mal ganz schnell [...]" für durchaus gangbar. Denn unhöflich war/ist vor allem der Chef, der Untergebene in solche Situationen bringt.
Zitat von Agathe13 im Beitrag #9Da müsst ihr aber schon dick befreundet sein ;-)
Nein. Es kommt natürlich sehr auf die art an, wie sowas rübergebracht wird. Ein charmantes lächeln und leichtes augenzwinkern ist nicht verkehrt in solchen situationen.
Zitat von Agathe13 im Beitrag #9Da müsst ihr aber schon dick befreundet sein ;-)
Nein. Es kommt natürlich sehr auf die art an, wie sowas rübergebracht wird. Ein charmantes lächeln und leichtes augenzwinkern ist nicht verkehrt in solchen situationen.
Für das charmante Lächeln und das Augenzwinkern muss man aber schon auch einen besonders guten Draht haben.
Zitat von N8eule im Beitrag #15Allerdings hab ich vor vielen Jahren (vor dem 2. Bildungsweg) meinem Chef - als in den 80ern Stürme wie Lothar waren, und seine Frau anrief, aufm Dach seines Hauses würde Abdeckung schief hängen, worauf er sich das Telefonbuch schnappte, und ne Runde Dachdecker anrieb, bei der er feststellte, dass grad kein Dachdecker zu haben ist, worauf er in Erwägung zog, sich selbst aufs Dach zu steigen - den Spruch untergejubelt "super, dann ist ja morgen wieder schön Wetter", den er allerdings erst ne halbe Stunde später geblickt hat.
Zitat von Agathe13 im Beitrag #9Da müsst ihr aber schon dick befreundet sein ;-)
Nein. Es kommt natürlich sehr auf die art an, wie sowas rübergebracht wird. Ein charmantes lächeln und leichtes augenzwinkern ist nicht verkehrt in solchen situationen.
Weibchen spielen?
Ich würde ihn reden lassen und ab und zu mal ein paar gelangweilte Laute von mir geben.
--- Hunde sind Gottes Entschädigung für all die verlogenen Menschen.
Zitat von N8eule im Beitrag #7"Tut mir leid, ich möchte ihre AfD-Verharmlosung nicht hören - so fing es vor knapp 100 Jahren auch an, mit der Verharmlosung der Nazis durch die etwas weniger intelligenten Menschen."
Superklasse, besonders für das Betriebsklima.
Geht sicher auch eine Nummer kleiner, meinst Du nicht?
schon mal was von Zivilcourage gehört?
wehret den Anfängen ! ok- die letzten 6 Worte könnte man durchaus weglassen..
mir sagte die Gruppenleitung auch achselzuckend: "...wenn das so angeordnet ist"- als ich sagte, dass ich das gewiss nicht so machen werde-
und meine Antwort: "wenn wir immer alles so machen wie die Obrigkeit anordnet, dann sind wir bald wieder im 3. Reich..."
Duckmäusertum und stillschweigende Akzeptanz begünstigen genau so eine Entwicklung....