Ich beobachte eher das Gegenteil: dass die Kinder viel früher und deutlich eher sozialkompetent sind. Ich hab das immer damit in Verbindung gebracht, dass sie halt auch früher und mehr Zeit in sozialen Gruppen verbringen und sich dort einfügen und an den vorgegebenen Tagesrhythmus halten müssen.
Spielen hier die Kinder im grossen altersgemischten Rudel auf der Strasse, so haben die Grossen immer ein Auge auf die Kleinen (Autos), helfen bei Stürzen und schlichten bei Streit. Ich beobachte weniger Ausgrenzung, als ich aus meiner eigenen Kindheit kenne und mehr prosoziales Verhalten.
Meine Kinder haben auch keine regelmässigen Verpflichtungen im Haushalt, aber sie haben auch viel vollere Tage, als wir damals. Und wenn es drauf ankommt, kann man sich voll auf sie verlassen.
Das mit der Ausgrenzung nehme ich auch so wahr. Einerseits. Es gibt leider auch die andere Seite dazu.
Ich erlebe bei den Kindern keine so plakative Ausgrenzung wegen irgendwelcher äußeren Faktoren, die einen früher fast zuverlässig zum Außenseiter machen konnten: es wird nicht gehänselt wegen Namen, Kleidungsstil, Marken, Herkunft, Frisur,… da empfinde ich die meisten Kinder und Jugendlichen heute als sehr offen und tolerant. Und auch das mit den altersgemischten Gruppen erlebe ich so, allerdings habe ich das selbst früher ebenso erfahren.
Auf der anderen Seite gibt es aber Mobbing. Manchmal auf anderen Kanälen, oft sehr subtil. Und dass ich bei bei beiden Kindern Klassenkameraden oftmals statt als Verbündete als Konkurrenten wahrnehme, nervt mich echt massiv und kenne ich wiederum von früher so gar nicht.
Zitat von Amelanchier im Beitrag #2402 Meine Kinder haben auch keine regelmässigen Verpflichtungen im Haushalt, aber sie haben auch viel vollere Tage, als wir damals.
Unsere Kinder hatten diese fest zugewiesenen Aufgaben auch nicht.
Was ja bei manchen Leuten gerne damit gleichgesetzt wird, dass man nicht-hilfsbereite Egoisten großzieht.
Zitat von Stina im Beitrag #2403 Und dass ich bei bei beiden Kindern Klassenkameraden oftmals statt als Verbündete als Konkurrenten wahrnehme, nervt mich echt massiv und kenne ich wiederum von früher so gar nicht.
Das würde mich auch massiv nerven. Ich erlebe das so nicht und hätte tatsächlich auch gleich mal die Eltern der betreffenden Kinder im Verdacht .
Die sind es ja manchmal auch. Aber tatsächlich längst nicht immer. Das bekommt dann halt auch eine Eigendynamik. Wenn keiner sein Wissen teilt und sich im Vorteil wähnt, wenn andere Informationen nicht haben, sind irgendwann die paar wenigen die Doofen, die es doch tun.
Hm, ist das bei Euch echt so extrem, dass z.B. Kinder, die krank waren, von niemandem die Unterlagen bekommen? Damit die kranken Kinder dann dumm dastehen? Das fände ich heftig. Ich dachte, es sei Konsens, dass man in so einem Fall hilft.
Seit Jahrzehnten beobachten alle, wie die Gesellschaft immer mehr Risse bekommt, und keiner kittet sie. Da darf man sich nicht wundern, wenn sie schließlich zerbricht. (Views, Marc-Uwe Kling)
Es ist nicht so, dass man gar nichts bekommt. Es gibt auch "Buddys", die zuständig sind. Aber es ist oft ausgesprochen mühsam und da bin ich bei weitem nicht die einzige, die das so empfindet. Die Kinder haben es heute so leicht wie nie und trotzdem scheint es völlig unzumutbar zu sein, der Bitte nach Abfotografieren eines Aufschriebs nachzukommen. Es wird dann bspw. das Arbeitsblatt gebracht, aber keine Info, wie es denn ausgefült werden muss. Und das mag manchmal auch Faulheit oder Gedankenlosigkeit sein, aber auf Nachfrage kommt sehr oft einfach gar nichts. Bis man sich dann als Eltern einschaltet, was ich ab weiterführender Schule lächerlich finde (und in der Grundschule haben die Lehrerinnen für alles gesorgt, was ich auch schon viel verlangt von ihnen finde.) Und wir hatten bei beiden Kindern Fälle, wo es kein Versehen war, sondern pure Absicht. Die damaligen Buddy-Mädchen meiner Tochter haben ihr mal ganz zufällig genau die beiden Blätter "vergessen" zu geben, von der die Lehrerin sagtem die seien unbedingt wichtig für die Arbeit. Und das Herzchen, das gegenüber wohnt und meinen Sohn versorgt, hat auch stets Interesse dran, einen Wissensvorsprung zu behalten, "vergisst" regelmäßig die Hälfte und hat es mal geschafft, gleich meine Kinder blöd dastehen zu lassen, indem sie ein für eine benotete Hausaufgabe benötigtes Blatt einfach nicht beim Sohn abgegeben hat und dem Lehrer gegenüber dann behauptet hat, sie hätte das Blatt meiner Tochter gegeben (ich war aber an der Türe und meine Tochter zu dem Zeitpunkt nicht mal daheim. Das wissen wir. Der Lehrer natürlich nicht. Ratet also, wer als Unschuldslämmchen aaus dieser geschichte hervorgegangen ist. Denn dem zuverläsigen Mädchen mit den Bestnoten und dem leichten Hang zu Tränen glaubt man im Zweifel eben.)
Ich empfinde es auch sehr unterschiedlich. Gerade vor kurzem waren wir mit den kleinen Enkeln im Park. Das Felslein (2,5) fuhr mit so einem Laufrad sehr schnell davon, ich versuchte hinterher zu kommen, selbst ohne Autoverkehr kann ja etwas passieren. Da sah ich auf einmal wie mehrere Jugendlich um die Kleine herum standen. Ich flitzte hin und da sagte eine Mädchen: "Oh, sie ist gefallen, wir dachten, sie wäre alleine!" Vom Aussehen her hätte ich das ihnen gar nicht zugetraut, sie lungerten einfach so im Park herum, wie das Jugendlich halt mal so machen. Da war mal wieder Zeit, meine Vorurteile zu überdenken.
Dann saß ich vor kurzem beim HNO-Arzt. Da hing so ein junger Mann auf einem Stuhl im Wartezimmer, offensichtlich ausländischer Herkunft, alles an ihm sagte: lasst mich in Ruhe! Die Hose auf halbmast, Beine weit weg gestreckt, Stöpsel im Ohr. In Begleitung war seine etwa gleichaltrige Freundin in ähnlicher Aufmachung. Sie grüßten nicht als sie herein kamen.
Da kam ein wirklich sehr schwer behinderter Mann, der extrem schlecht an einer Art Gehbock lief zur durchsichtigen Eingangstür, die vom Wartezimmer aus zu sehen war. Das Mädchen nickte nur leicht mit dem Kopf in Richtung Junge, da sprang dieser auf und half dem Mann herein, begleitete ihn bis zum Stuhl.
Auch bei uns im Verein (Handball) sehe ich, wie sich junge Leute engagieren. Sie helfen beim Auf- und Abbau, machen Schiedsrichter bei jüngeren Mannschaften usw. Das ist für mich das beste Beispiel: man sollte Teil von etwas sein. Und damit lernt man dann auch, dass man nicht alleine auf der Welt ist, dass ein Handballtag nicht einfach so aus dem Boden wächst, sondern dass man sehr viele helfende Hände braucht, damit das funktioniert.
Ähnliches sehe ich bei den örtlichen Pfadfindern oder Messdienern. Und so funktioniert ja Gemeinschaft. Wenn Kinder oder Jugendliche dies nie gesehen haben oder Teil von so etwas sind, dann werden sie es auch schwerlich lernen, dass sie alleine nicht der Nabel der Welt sind. Ich finde, man sollte altersgerecht schon etwas einfordern, auch in der Familie.