Da ich gerade das Buch beendet und Diskussionsbedarf habe, bitte ich um Austausch. Das Buch liest sich wie eine köstliche gekühlte Schokoladentorte, vielleicht ungefähr so, wie man es sich von Langnese Viennetta erhoffen würde. Die alles entscheidende Frage für mich: War sie's oder war sie's nicht? Ich denke, sie war's. Platzhalter, magst du ergänzen?
Ob sie es war oder nicht, war für mich am Ende des Buchs nicht mehr entscheidend, sondern die Entwicklung, die sie seit der Tat durchlaufen hat. Genial finde ich Atwoods Schachzug, Grace den zwar gesellschaftlich anerkannten, ihr aber weit unterlegenen Psychologen gegenüberzustellen.
Ein weiterer Gedanke: Grace ist für mich eine Schwester im Geiste von Offred/June. Die Enden beider Bücher habe ich als nahezu identisch empfunden.
Inwieweit entwickelt sie sich denn? Das wird ja gar nicht so recht thematisiert. Irrenanstalt, dann Gefängnis. So, wie ihre Kindheit geschildet wird, könnte ich mir vorstellen, dass sie schon immer eine gute Beobachterin gewesen sein muss. Und hochgradig intelligent. Sie weiß, was von ihr erwartet wird, und geht darauf ein, meinst du nicht? Sie gibt es ja auch zu, warum sie weint, als sie von ihrer Begnadigung erfährt. Und der Brief an den Doktor, mit der durch die Vase verursachten Kopfwunder - so schön als Gegensatz zu der verwelkten Hauswirtin, die ihm hinterherjagd und mit Selbstmord droht. Viel wirkungsvoller. Ich finde es faszinierend, was auch weggelassen wird. V. a. die Geschichte mit der Hypnose. Die müssen sich doch abgesprochen haben, wenigstens noch ein paar Details. (Dass sie Jerome vertraut und ihn sehr mag, wird ja mehr als deutlich.) Oder natürlich, und das ist meine Erklärung: Sie hat tatsächlich Mary wie eine Schizophrene in sich wohnen. Von daher hat sie es getan, ist aber unschuldig.
Überhaupt, jeder der Erzähler ist irgendwie unzuverlässig: Grace, der Mörder selbst mit seinen Varianten, der Anwalt, der sie für schuldig hält... Wunderbar!
Und dieses absurde Ende mit der Hochzeit. Herrlich.
Zitat von Pasdedeux im Beitrag #3Inwieweit entwickelt sie sich denn? Das wird ja gar nicht so recht thematisiert. [...]
Mit Entwicklung meine ich, wie sie in die Selbstreflektion geht. Soweit ich mich erinnere, bestand der zweite Teil des Romans zu einem großen Teil aus Monologen, in denen sie sich mit sich selbst und ihrer Situation auseinandersetzt, in einer schonungslosen Ehrlichkeit. Die Anlage dazu hatte sie sicher schon vorher, aber bis zur Tat war sie im Leben ja eher eine Getriebene, die fast nur reagiert hat. In der Haft hat sie, meiner Wahrnehmung nach, erst richtig zu sich selbst gefunden. Bis dahin, dass sie ihr Schicksal (auch das drohende ganz am Ende) annehmen kann.
Zitat von Pasdedeux im Beitrag #3 Oder natürlich, und das ist meine Erklärung: Sie hat tatsächlich Mary wie eine Schizophrene in sich wohnen. Von daher hat sie es getan, ist aber unschuldig.
Hm, da muss ich nochmal nachsehen. Aber es stimmt schon, sie kommt erst nach der Tat dazu, auch etwas zu lesen wie etwa die Gedichte von Walter Scott.
Der Clou ist ja eigentlich, wie mit den weiblichen Rollenzuschreibungen - als böse Anstifterin oder unschuldiges Mädchen - entlang der Clichés gespielt wird. Mich bedrückt das Ende auch irgendwie, wenn sie erzählt, dass ihr Mann von ihr die Geschichten aus der Anstalt berichtet haben möchte. Da dachte ich sofort, sie lebt womöglich doch in ihrer eigenen Welt. Eben wieder meine eigene Interpretation.
Sie spielt mehrfach auf die zeitgenössische Literatur an - vielleicht ist das auch die beste Erklärung für die Hypnose. Dass sie den Zuschauern eben etwas bieten, was diese erwarten. Aber würde sie deshalb freigelassen werden?